Nach jahrelanger Bauzeit und intensiven Debatten wurde gestern der neue Maßregelvollzug im Berliner Bezirk Tempelhof offiziell eröffnet. Die moderne Einrichtung mit 160 Plätzen soll die überlasteten bestehenden Einrichtungen entlasten und psychisch kranke Straftäter besser versorgen.
«Dieses neue Zentrum vereint hohe Sicherheitsstandards mit zeitgemäßen therapeutischen Möglichkeiten», erklärte Berlins Gesundheitssenatorin Melanie Schmidt bei der Eröffnungszeremonie. Die Einrichtung kostete rund 84 Millionen Euro – etwa 12 Millionen mehr als ursprünglich veranschlagt. Baubeginn war vor vier Jahren.
Der Maßregelvollzug ist eine besondere Form des Strafvollzugs für Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen oder Suchtproblemen straffällig geworden sind. Anders als in regulären Gefängnissen steht hier die Therapie im Vordergrund. Die neuen Räumlichkeiten bieten moderne Therapieräume, Werkstätten und Sportanlagen.
Anwohner hatten im Vorfeld Bedenken geäußert. Rund 200 Personen demonstrierten gestern gegen die Eröffnung. «Wir fühlen uns nicht ausreichend einbezogen», sagte Michael Weber von der Bürgerinitiative «Sicheres Tempelhof». Die Behörden versichern jedoch, dass von der Einrichtung keine Gefahr für die Nachbarschaft ausgeht.
Fachleute begrüßen den Neubau. «In den bestehenden Einrichtungen herrschte jahrelang akute Überbelegung», erklärt Dr. Karin Müller, Psychiaterin und Expertin für forensische Psychiatrie. «Dies erschwerte die Behandlung erheblich. Die neuen Räume und das erweiterte Personal werden die Therapiechancen deutlich verbessern.»
Die Belegung erfolgt schrittweise. Bis Februar sollen die ersten 80 Patienten einziehen, die volle Kapazität wird voraussichtlich im Sommer erreicht. Ein besonderes Merkmal der Einrichtung ist die bauliche Trennung verschiedener Patientengruppen je nach Krankheitsbild und Behandlungsbedarf.
«Wir wollen die Menschen nicht nur sicher unterbringen, sondern ihnen echte Perspektiven bieten», betonte Einrichtungsleiter Dr. Thomas Berger. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Maßregelvollzug liegt bei etwa fünf Jahren. Rund 65 Prozent der Patienten können danach in betreute Wohnformen oder selbständiges Leben entlassen werden.
Berlin folgt damit einem bundesweiten Trend zur Modernisierung von Maßregelvollzugseinrichtungen. Seit 2018 wurden in Deutschland sieben vergleichbare Neubauten eröffnet. Der Berliner Neubau gilt dabei als besonders fortschrittlich in Bezug auf die Balance zwischen Sicherheit und Therapie.
Die Stadtverwaltung plant, den Dialog mit Anwohnern fortzusetzen und lädt zu regelmäßigen Informationsveranstaltungen ein. «Transparenz ist wichtig, um Vorbehalte abzubauen», so Bezirksbürgermeister Jürgen Krause. Die erste öffentliche Führung für interessierte Bürger findet bereits nächste Woche statt.
Für die Stadt Berlin ist die Eröffnung ein wichtiger Schritt, um die lange kritisierte Überbelegung im Maßregelvollzug zu beheben. Noch vor zwei Jahren mussten Patienten teilweise in anderen Bundesländern untergebracht werden. «Mit dem neuen Gebäude können wir unserer Versorgungspflicht endlich gerecht werden», sagte Senatorin Schmidt abschließend.