Die Zukunft der Europäischen Schule Frankfurt (ESF) sorgt weiterhin für hitzige Debatten. Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) steht in der Kritik, nachdem sie offenbar ein früheres Versprechen zur Standortfrage zurückgenommen hat. Der Elternvertreter Luca Longo wirft Weber vor, ihr Wort gebrochen zu haben, was die ohnehin angespannte Situation weiter verschärft.
Die Europäische Schule Frankfurt, derzeit im Stadtteil Praunheim angesiedelt, platzt aus allen Nähten. Mit über 1.800 Schülerinnen und Schülern ist die Einrichtung deutlich überbelegt. Experten schätzen, dass die Schule für die wachsende Zahl der Kinder von EU-Beschäftigten – vor allem durch den Brexit und die Verlagerung der Europäischen Bankenaufsicht nach Frankfurt – bis zu 2.500 Plätze benötigen wird.
«Wir haben seit Jahren auf eine Lösung gewartet,» erklärt eine betroffene Mutter, deren zwei Kinder die ESF besuchen. «Die Container sind nur eine Notlösung und keine dauerhafte Antwort auf unsere Platzprobleme.»
Der Streit dreht sich um die künftige Standortfrage. Ursprünglich hatte Weber zugesichert, die verschiedenen Optionen mit den Elternvertretern zu besprechen, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Doch nach Aussage von Longo sei genau das nicht geschehen.
«Frau Weber hat uns versprochen, alle Alternativen gemeinsam zu prüfen. Stattdessen wurden wir mit einer fertigen Entscheidung konfrontiert», kritisiert der Elternsprecher. Der Unmut unter den Eltern wächst, da sie sich übergangen fühlen.
Die Bildungsdezernentin verteidigt ihr Vorgehen. «Wir haben mehrere Standorte geprüft und die praktikabelste Lösung gewählt», erklärt Weber. Dabei verweist sie auf die komplexen Anforderungen einer solchen Schule und die begrenzten Flächen im Stadtgebiet.
Die Stadt favorisiert offenbar eine Erweiterung am jetzigen Standort in Praunheim sowie die Nutzung des ehemaligen Netzwerk-Gebäudes im Gallus. Diese Lösung stößt bei vielen Eltern auf Ablehnung, da sie eine Trennung der Schulgemeinschaft befürchten.
«Unsere Kinder profitieren von der kulturellen Vielfalt einer gemeinsamen Schule. Eine Aufteilung würde diesen wichtigen Aspekt gefährden», betont eine Lehrerin, die anonym bleiben möchte.
Der Zeitdruck ist enorm. Die Europäische Zentralbank (EZB) und andere EU-Institutionen benötigen dringend Planungssicherheit für ihre Mitarbeiter. «Frankfurt konkurriert mit anderen europäischen Standorten. Eine funktionierende internationale Schule ist ein entscheidender Standortfaktor», erklärt Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP).
Die Opposition im Römer, Frankfurts Stadtparlament, nutzt den Konflikt für Kritik am Magistrat. «Diese Situation zeigt erneut die mangelnde Weitsicht der Stadtregierung», bemängelt CDU-Fraktionschef Nils Kößler. «Bereits 2017 war klar, dass durch den Brexit mehr EU-Beschäftigte nach Frankfurt kommen würden.»
Auch aus der Wirtschaft wächst der Druck. Die Frankfurter Bankenwelt sieht in der Standortfrage ein wichtiges Signal für die Attraktivität des Finanzplatzes. «Wenn wir internationale Fachkräfte gewinnen wollen, müssen wir ihren Familien eine entsprechende Bildungsinfrastruktur bieten», betont der Hauptgeschäftsführer der IHK Frankfurt.
Die nächste Sitzung des Bildungsausschusses könnte entscheidend sein. Elternvertreter planen eine Demonstration vor dem Römer, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Sie wünschen sich einen transparenten Entscheidungsprozess und eine Lösung, die den Zusammenhalt der Schulgemeinschaft wahrt.
«Wir wollen nicht gegeneinander arbeiten, sondern gemeinsam die beste Lösung finden», appelliert Longo an die Stadtverantwortlichen. «Aber dafür müssen wir ehrlich miteinander umgehen und Versprechen einhalten.»
Die Zeit drängt. Bereits zum kommenden Schuljahr werden weitere Anmeldungen erwartet, für die derzeit kein Platz existiert. Die provisorischen Container können den Bedarf nicht mehr decken.
Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) hat das Thema inzwischen zur Chefsache erklärt. Er kündigte ein Treffen mit allen Beteiligten an, um den Konflikt zu entschärfen. «Die Europäische Schule ist ein wichtiger Baustein für Frankfurts internationale Ausrichtung. Wir werden eine Lösung finden, die allen gerecht wird», verspricht er.
Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet die Ungewissheit zusätzlichen Stress. «Meine Tochter fragt ständig, ob sie nächstes Jahr noch mit ihren Freunden zusammen sein wird», berichtet ein Vater. «Diese Unsicherheit belastet die Kinder.»
Die Europäische Schule Frankfurt bleibt somit ein Politikum, das weit über bildungspolitische Fragen hinausgeht. Es geht um Frankfurts Zukunft als europäische Metropole und um das Vertrauen zwischen Bürgern und Stadtregierung. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Konflikt gelöst werden kann oder weiter eskaliert.