In Berlins Bezirken verschärft sich die Wohnungskrise dramatisch. Die jüngsten Zahlen der Caritas Berlin zeigen: Immer mehr Familien, Senioren und sogar Berufstätige landen auf der Straße oder in Notunterkünften. «Was wir derzeit erleben, ist kein vorübergehendes Problem mehr, sondern eine strukturelle Krise mit Sprengkraft für den sozialen Zusammenhalt unserer Stadt», erklärt Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, bei der Vorstellung des Jahresberichts.
Die Statistik ist alarmierend: 2023 suchten über 32.000 Menschen die Beratungsstellen der Caritas auf – ein Anstieg von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders besorgniserregend: Fast 40 Prozent der Hilfesuchenden waren trotz regelmäßiger Arbeit von Wohnungslosigkeit bedroht. «Wir sehen Krankenpfleger, Erzieherinnen und Handwerker, die ihr Gehalt haben, aber keine bezahlbare Wohnung finden», berichtet Sozialarbeiterin Maren Schmidt aus dem Beratungszentrum in Neukölln.
Der Fall der Familie Yilmaz aus Wedding steht beispielhaft für die Krise. Nach einer Mieterhöhung von 30 Prozent konnte die vierköpfige Familie ihre Wohnung nicht mehr halten. «Wir haben beide Arbeit, mein Mann als Lagerist, ich in Teilzeit im Einzelhandel. Trotzdem leben wir seit drei Monaten in einer Notunterkunft», erzählt Sevim Yilmaz. Über 200 Wohnungsbewerbungen hat die Familie bereits verschickt – ohne Erfolg.
Die Ursachen der verschärften Wohnungsnot sind vielschichtig. «Der Mietmarkt ist faktisch leergefegt, die Mieten steigen weiter, und gleichzeitig wurden 2023 nur 16.500 Wohnungen fertiggestellt – nicht einmal die Hälfte des Bedarfs», erläutert Wohnungsexperte Prof. Harald Weber von der Humboldt-Universität. Die durchschnittlichen Angebotsmieten liegen mittlerweile bei 14,50 Euro pro Quadratmeter – für viele Berliner unerschwinglich.
Auch die sozialen Folgen werden immer sichtbarer. «Die Zahl der Zwangsräumungen ist um 22 Prozent gestiegen», berichtet Kostka. «Gleichzeitig fehlen Notunterkünfte. In manchen Bezirken müssen wir Menschen abweisen.» Die Caritas warnt vor einer gefährlichen Entwicklung: «Wenn grundlegende Bedürfnisse wie Wohnen nicht mehr erfüllt werden können, verlieren Menschen das Vertrauen in den Staat und demokratische Strukturen.»
Der Berliner Senat steht unter Handlungsdruck. Bausenator Christian Gaebler (SPD) verweist auf das im Februar verabschiedete «Schneller-Bauen-Gesetz» und die geplante Aufstockung des sozialen Wohnungsbaus: «Wir wollen bis 2026 jährlich 5.000 neue Sozialwohnungen schaffen.» Kritiker wie Caren Lay, wohnungspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, halten dies für unzureichend: «Berlin braucht mindestens 10.000 neue Sozialwohnungen jährlich, um den Bedarf zu decken.»
Die Mietervereine fordern zusätzlich einen effektiveren Mieterschutz. «Die Mietpreisbremse muss dringend verschärft werden», fordert Wibke Werner vom Berliner Mieterverein. «Zudem brauchen wir ein Verbot von Eigenbedarfskündigungen für mindestens zehn Jahre nach Wohnungskauf.»
Unterstützung kommt auch von unerwarteter Seite. «Die Wohnungsnot gefährdet inzwischen den Wirtschaftsstandort Berlin», warnt Jan-Peter Schott von der Industrie- und Handelskammer. «Viele Unternehmen können keine Fachkräfte mehr gewinnen, weil diese keine bezahlbaren Wohnungen finden.»
Die Caritas fordert ein Umdenken in der Stadtentwicklung. «Wohnen ist ein Grundrecht, kein Luxusgut», betont Kostka. Sie schlägt ein Sofortprogramm vor: städtische Grundstücke ausschließlich für bezahlbaren Wohnraum nutzen, leer stehende Bürogebäude umwidmen und den Milieuschutz auf alle Bezirke ausweiten. «Wir brauchen einen Richtungswechsel, sonst verlieren wir das soziale Berlin.»
In der Zwischenzeit versuchen Initiativen wie «Wohnen für Alle» Abhilfe zu schaffen. Auf ihrer Plattform vermitteln sie Wohnraum an Bedürftige und bieten rechtliche Beratung. «Wir haben ein Netzwerk mit über 300 privaten Vermietern aufgebaut, die zu fairen Konditionen vermieten», erklärt Gründerin Lisa Schmitz. «Aber der Bedarf übersteigt unsere Möglichkeiten um ein Vielfaches.»
Die Wohnungsnot trifft inzwischen alle Schichten. Selbst in ehemals preiswerten Randlagen wie Marzahn oder Spandau liegen die Mieten bei Neuvermietung oft über zehn Euro pro Quadratmeter. «Für eine vierköpfige Familie bedeutet das mindestens 1.000 Euro kalt – das können viele trotz Arbeit nicht stemmen», erklärt Schmidt.
Experten warnen vor den langfristigen Folgen. «Wenn die Schere zwischen Wohnkosten und Einkommen weiter auseinandergeht, werden soziale Spannungen zunehmen», prognostiziert Stadtsoziologe Dr. Michael Reichert. «Es droht eine Verdrängung ganzer Bevölkerungsgruppen aus der Stadt.»
Für Familie Yilmaz bleibt vorerst nur die Hoffnung. «Wir wollen einfach nur ein normales Leben führen können, in einer bezahlbaren Wohnung», sagt Sevim Yilmaz. «Ist das wirklich zu viel verlangt in einer reichen Stadt wie Berlin?»