Nach jahrelangen Ermittlungen beginnt am Montag der Prozess um den Awo-Skandal in Frankfurt. Sechs frühere Verantwortliche der Arbeiterwohlfahrt stehen wegen Betrugsvorwürfen in Millionenhöhe vor dem Landgericht. Doch die Hauptverantwortlichen bleiben verschont – zumindest vorerst.
Seit Ende 2019 beschäftigt der Awo-Skandal die Frankfurter Stadtgesellschaft. Die Vorwürfe wiegen schwer: überhöhte Gehälter, teure Dienstwagen und fragwürdige Beraterverträge. Nun müssen sich sechs ehemalige Führungskräfte vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, die Stadt Frankfurt um mehrere Millionen Euro betrogen zu haben.
Konkret geht es um die Abrechnung von Flüchtlingsunterkünften zwischen 2015 und 2018. Die Angeklagten sollen systematisch zu hohe Kosten bei der Stadt eingereicht haben. Der Schaden wird auf rund 6,6 Millionen Euro beziffert. «Die Angeklagten haben das Vertrauen der Stadt Frankfurt ausgenutzt», erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.
Die sechs Beschuldigten waren in verschiedenen Positionen für die Awo tätig – als Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft oder als Abteilungsleiter. Ihnen drohen bei einer Verurteilung Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren.
Doch in der Stadtgesellschaft sorgt für Unmut, dass die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen nicht auf der Anklagebank sitzen. Das frühere Führungsduo Jürgen Richter und seine Frau Hannelore Richter, die als Architekten des Systems gelten, müssen sich in diesem Verfahren nicht verantworten.
«Die kleinen Fische werden verurteilt, während die großen davonschwimmen», kritisiert Martin Schmidt, Vorsitzender einer Frankfurter Bürgerinitiative, die den Skandal seit Jahren beobachtet. «Das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.»
Die Staatsanwaltschaft betont jedoch, dass die Ermittlungen gegen weitere Personen noch nicht abgeschlossen sind. «Dieser Prozess ist nur der Anfang. Weitere Anklagen werden folgen», versichert die zuständige Oberstaatsanwältin. Gegen das Ehepaar Richter wird nach wie vor ermittelt.
Der Fall hat weit über Frankfurt hinaus für Erschütterung gesorgt. Die Arbeiterwohlfahrt, ein traditionsreicher Wohlfahrtsverband mit sozialen Werten, geriet bundesweit in die Kritik. «Der Skandal hat das Vertrauen in soziale Organisationen nachhaltig beschädigt», sagt Prof. Maria Weber, Expertin für Non-Profit-Management an der Universität Frankfurt.
Die neue Führung der Frankfurter Awo hat inzwischen umfangreiche Reformen eingeleitet. «Wir haben vollständig mit den alten Strukturen gebrochen und bauen die Organisation von Grund auf neu auf», erklärt Steffen Krollmann, der neue Vorsitzende des Awo-Kreisverbands Frankfurt.
Auch die Stadt hat Konsequenzen gezogen. Die Kontrollmechanismen für Zuwendungen wurden verschärft, und Verträge mit sozialen Trägern werden nun genauer geprüft. «Wir haben aus dem Fall gelernt», sagt Frankfurts Sozialdezernentin Elke Voitl.
Der Prozess ist auf mehrere Monate angesetzt. Für die Aufarbeitung der Affäre ist er ein wichtiger Schritt. Doch viele Frankfurter sehen ihn nur als Zwischenetappe. «Erst wenn alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, kann dieser Fall wirklich abgeschlossen werden», meint Bürgerrechtler Schmidt.
Die Angeklagten haben sich bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Ihre Anwälte kündigten jedoch an, dass sie im Prozess aussagen werden. Die Stadt Frankfurt tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf und fordert die Rückzahlung der mutmaßlich veruntreuten Gelder.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie wichtig wirksame Kontrollen im Umgang mit öffentlichen Mitteln sind. «Wenn es um Steuergelder geht, brauchen wir maximale Transparenz», fordert Weber. Der Prozessauftakt am Montag wird daher mit großem öffentlichen Interesse verfolgt werden.