In einer unscheinbaren Lagerhalle am Rande Frankfurts lagern Kunstschätze, die sonst möglicherweise in Vergessenheit geraten wären. Hier hat die Frankfurter Kunst-Nachlass-Stiftung ihr Zuhause gefunden. Die 2018 gegründete Einrichtung widmet sich einer wichtigen Aufgabe: der Bewahrung künstlerischer Nachlässe für kommende Generationen.
«Was passiert mit dem Lebenswerk, wenn Künstlerinnen und Künstler sterben?» Diese Frage treibt viele Kulturschaffende um, erklärt Vorstandsmitglied Maria Weber. «Nicht jeder hat das Glück, dass sich Museen oder Galerien um den Nachlass kümmern. Viele wertvolle Werke landen im schlimmsten Fall auf dem Sperrmüll oder verstauben auf Dachböden.»
Die Stiftung betreut derzeit die Nachlässe von 15 Frankfurter Künstlern. Darunter befinden sich Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Installationen. Ein Team aus Kunsthistorikern und Restauratoren katalogisiert, digitalisiert und bewahrt die Werke auf. «Es geht nicht nur um die physische Erhaltung, sondern auch darum, das künstlerische Erbe zugänglich zu machen», betont Weber.
Im vergangenen Jahr konnte die Stiftung drei neue Nachlässe übernehmen. Besonders wertvoll ist die Sammlung des Malers Herbert Schneider, der in den 1970er Jahren die Frankfurter Kunstszene prägte. Seine abstrakten Gemälde zeigen das Frankfurt der Nachkriegszeit in leuchtenden Farben und expressiven Formen. «Schneider war seiner Zeit voraus, aber nie im Rampenlicht. Umso wichtiger ist es, sein Werk zu erhalten», sagt Kuratorin Lisa Müller.
Die Finanzierung bleibt eine Herausforderung. Die Stiftung erhält Zuschüsse vom Kulturamt der Stadt Frankfurt und Spenden von Kunstliebhabern. «Es reicht gerade so», sagt Weber. «Mehr Unterstützung würde bedeuten, dass wir mehr Nachlässe retten könnten.»
Nicht nur die Bewahrung, sondern auch die Vermittlung liegt der Stiftung am Herzen. Regelmäßig veranstaltet sie Ausstellungen in kleinen Galerien der Stadt. Im Herbst ist eine große Schau im Frankfurter Kunstverein geplant. Zudem arbeitet die Stiftung eng mit Schulen zusammen, um junge Menschen für lokale Kunst zu begeistern.
«Künstlerische Nachlässe sind kulturelles Gedächtnis und Inspiration zugleich«, erklärt Kunsthistoriker Thomas Berger, der die Stiftung wissenschaftlich begleitet. «Sie erzählen die Geschichte unserer Stadt aus einer einzigartigen Perspektive.»
Die Bemühungen der Stiftung stoßen auch bundesweit auf Interesse. In mehreren deutschen Städten entstehen ähnliche Initiativen nach Frankfurter Vorbild. Ein deutschlandweites Netzwerk zur Künstlernachlassbewahrung ist im Aufbau.
«Frankfurt hat eine reiche Kunstgeschichte jenseits der großen Museen und bekannten Namen», sagt Weber. «Diese Geschichte würde ohne gezielte Bewahrungsarbeit verloren gehen.» Die Nachlässe geben Einblick in künstlerische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen, die in klassischen Museumssammlungen oft unterrepräsentiert sind.
Interessierte können nach Voranmeldung die Räume der Stiftung besichtigen und Einblick in die Arbeit erhalten. Für die Zukunft plant die Stiftung ein dauerhaftes Ausstellungshaus, in dem die Werke dauerhaft präsentiert werden können. «Kunst gehört nicht ins Lager, sondern zu den Menschen«, ist Webers Vision. Mit jedem geretteten Nachlass kommt die Stiftung diesem Ziel ein Stück näher.