Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur an der Friedrichstraße steht seit Beginn des Ukraine-Krieges verstärkt im Fokus der Öffentlichkeit. Die imposante Einrichtung im Herzen Berlins wirft Fragen auf, die weit über kulturellen Austausch hinausgehen.
Bei meinem Besuch vergangene Woche fiel mir sofort die gedämpfte Atmosphäre auf. Wo früher reges Treiben herrschte, sind die Besucherzahlen deutlich zurückgegangen. Das fünfstöckige Gebäude mit seinen 29.000 Quadratmetern wirkt heute fast verlassen. Nur vereinzelt sieht man Besucher durch die weitläufigen Flure gehen.
«Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen den Kulturen», erklärt Pawel Izvolsky, ein Mitarbeiter des Hauses. «Unser Programm umfasst Sprachkurse, Konzerte und Kunstausstellungen, die das gegenseitige Verständnis fördern sollen.»
Doch seit Februar 2022 hat sich die Wahrnehmung des Hauses grundlegend verändert. Was einst als kulturelles Zentrum geschätzt wurde, wird nun von Kritikern als Propagandainstrument des Kremls betrachtet. Der Verfassungsschutz beobachtet die Einrichtung seit Kriegsbeginn genauer.
«Die Grenze zwischen Kulturaustausch und politischer Einflussnahme ist oft fließend», sagt Dr. Susanne Weber vom Institut für Europäische Politik. «Russland nutzt seine Kulturzentren weltweit als Teil seiner Soft-Power-Strategie.»
Das Russische Haus untersteht direkt der Regierungsagentur Rossotrudnichestvo, die dem russischen Außenministerium zugeordnet ist. Laut Experten dient die Agentur nicht nur der Kulturvermittlung, sondern auch der Verbreitung russischer Narrative im Ausland.
Die Veranstaltungen haben sich seit Kriegsbeginn spürbar verändert. Wo früher ein breites Kulturprogramm stattfand, dominieren heute Diskussionsrunden und Filmvorführungen, die oft eine einseitige Sichtweise auf den Ukraine-Konflikt vermitteln.
Bei einer kürzlich besuchten Podiumsdiskussion zum Thema «Medienfreiheit» fiel mir auf, dass ausschließlich Perspektiven vertreten waren, die westliche Medien kritisierten, während russische Medienkontrolle kein Thema war. Die etwa 30 Besucher, überwiegend ältere Menschen mit russischen Wurzeln, nickten zustimmend.
Die Stadt Berlin steht vor einem Dilemma. Einerseits will man den kulturellen Austausch mit Russland nicht vollständig kappen, andererseits möchte man keine Plattform für Propaganda bieten. Der Berliner Senat hat die Zusammenarbeit mit dem Russischen Haus offiziell ausgesetzt.
«Der kulturelle Dialog ist gerade in Krisenzeiten wichtig», betont Kultursenator Klaus Lederer. «Aber wir müssen wachsam sein und dürfen keine Desinformation unterstützen.»
Die russischsprachige Community in Berlin, rund 300.000 Menschen, ist gespalten. Viele haben dem Haus den Rücken gekehrt, andere sehen es weiterhin als wichtigen Ankerpunkt ihrer kulturellen Identität.
«Ich komme seit Jahren hierher, um Russisch zu lernen», sagt Markus Schneider, ein 42-jähriger Berliner. «Natürlich bin ich gegen den Krieg, aber Sprache und Kultur sollten nicht darunter leiden.»
Für Olga Petrenko, eine ukrainischstämmige Berlinerin, ist die Sache klar: «Dieses Haus vertritt einen Staat, der meine Heimat zerstört. Es sollte geschlossen werden.»
Der Verfassungsschutz bestätigt, dass das Russische Haus zur Einflussnahme auf die öffentliche Meinung genutzt wird. Gleichzeitig gibt es rechtlich wenig Handhabe, solange keine Gesetze gebrochen werden.
Die Mitarbeiter des Hauses weisen Propaganda-Vorwürfe zurück. «Wir bieten verschiedene Perspektiven an, die in deutschen Medien oft fehlen», sagt Izvolsky. Eine Aussage, die bei genauerem Hinsehen fragwürdig erscheint.
Im Foyer fallen Broschüren auf, die von «Nazismus in der Ukraine» sprechen – eine bekannte russische Kriegsrechtfertigung, die historische Fakten verzerrt. Solche Materialien verdeutlichen die Gratwanderung zwischen Kulturarbeit und Propagandaverbreitung.
Früher war das Russische Haus ein beliebter Ort für Deutschlernende aus Russland und Russischlernende aus Deutschland. Die Sprachkurse finden zwar noch statt, aber mit deutlich weniger Teilnehmern.
Auch die berühmte Bibliothek mit über 40.000 russischen Büchern ist weiterhin zugänglich. Doch bei meinem Besuch waren nur zwei Leser anwesend. Eine Mitarbeiterin seufzt: «Vor dem Krieg war hier viel mehr los.»
Ähnliche Entwicklungen gibt es bei russischen Kulturzentren in anderen europäischen Hauptstädten. In Warschau wurde das Pendant zum Russischen Haus geschlossen, in Prag steht es unter strenger Beobachtung.
Die Zukunft des Berliner Hauses bleibt ungewiss. Einige Politiker fordern seine Schließung, andere plädieren für eine Umgestaltung als unabhängiges Kulturzentrum ohne direkte Kremlanweisung.
Fest steht: Das Russische Haus spiegelt die komplexe Beziehung zwischen Deutschland und Russland wider – eine Mischung aus kultureller Verbundenheit und politischem Misstrauen.
Als ich das Gebäude verlasse, blicke ich noch einmal auf die kyrillische Inschrift über dem Eingang. Sie erinnert an die tiefe kulturelle Verbindung zwischen unseren Ländern. Doch aktuell überwiegt der Eindruck eines Ortes, an dem Kultur als Vehikel für politische Botschaften dient.
Die Herausforderung für Berlin wird sein, den wertvollen kulturellen Austausch zu bewahren und gleichzeitig Propaganda entschieden entgegenzutreten. Eine Gratwanderung, die symptomatisch für unsere Zeit ist.