Der Tod eines obdachlosen Mannes auf der Hamburger Lombardsbrücke hat die Stadtgesellschaft aufgerüttelt. Am frühen Montagmorgen fanden Passanten den leblosen Körper des Mannes. Er starb trotz sofortiger Hilfe noch vor Ort. Dieser tragische Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die Situation der rund 2000 Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben.
Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt zeigt der Fall die Gefahren des Lebens ohne Obdach. Besonders in den Wintermonaten wird die Situation für Obdachlose lebensbedrohlich. Die genauen Todesumstände sind noch unklar. Die Polizei geht derzeit nicht von einem Verbrechen aus, die Staatsanwaltschaft ordnete eine Obduktion an.
Der Vorfall hat eine Debatte über die Obdachlosenhilfe in der Hansestadt ausgelöst. Sozialverbände und Politiker fordern mehr Unterstützung und niedrigschwellige Angebote. «Dieser tragische Tod hätte verhindert werden können», sagt Stephan Karrenbauer von der Straßenzeitung Hinz&Kunzt. «Wir brauchen mehr aufsuchende Sozialarbeit und Notunterkünfte, die auch für Menschen mit komplexen Problemen zugänglich sind.»
Das Winternotprogramm der Stadt bietet seit November 700 zusätzliche Schlafplätze an zwei Standorten. Doch nicht alle Obdachlosen nehmen diese Hilfe an. Manche meiden die Gemeinschaftsunterkünfte aus Angst vor Diebstahl oder Übergriffen. Andere kämpfen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, die den Gang ins Hilfesystem erschweren.
Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) verweist auf die bestehenden Angebote: «Unser Winternotprogramm steht allen offen, niemand muss in Hamburg frieren.» Doch Straßensozialarbeiter berichten, dass die Realität komplizierter ist. «Wir erreichen längst nicht alle, die Hilfe brauchen», erklärt Maren Eichhorn vom Verein «Alimaus», der Obdachlose unterstützt. «Viele Menschen fallen durchs Raster, weil die Hilfe nicht zu ihnen passt.»
Die Linksfraktion in der Bürgerschaft fordert mehr Personal für aufsuchende Sozialarbeit. «Ein toter Obdachloser ist einer zu viel», betont der sozialpolitische Sprecher Olaf Schmidt. «Die Stadt muss mehr Streetworker finanzieren, die aktiv auf die Menschen zugehen.» Auch die Diakonie Hamburg sieht Handlungsbedarf: «Wir brauchen mehr kleinere Unterkünfte statt Massennotunterkünfte, damit sich auch Menschen mit Ängsten sicher fühlen können.»
Experten betonen die Bedeutung langfristiger Lösungen. Das Konzept «Housing First», bei dem Obdachlose zuerst eine Wohnung und dann weitere Hilfen erhalten, zeigt in Pilotprojekten gute Erfolge. «Nur ein Dach über dem Kopf schafft die Sicherheit, um andere Probleme anzugehen», erklärt Wohnungslosenforscher Dr. Klaus Müller von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
Die Stadt Hamburg hat ihr Hilfesystem in den letzten Jahren ausgebaut. Neben dem Winternotprogramm gibt es Tagesaufenthaltsstätten, medizinische Versorgung und Beratungsangebote. Doch der aktuelle Fall zeigt die Grenzen des Systems. Besonders Menschen mit mehrfachen Problemlagen finden oft keinen Zugang zu den Hilfsangeboten.
Auch Anwohner und Geschäftsleute sind betroffen. «Wir sehen täglich das Elend vor unserer Tür», sagt Kioskbesitzer Mehmet Yilmaz, dessen Laden nahe der Lombardsbrücke liegt. «Es ist schwer zu ertragen, dass ein Mensch hier sterben musste.»
Während die politische Debatte läuft, gedenken Hamburger des Verstorbenen. Freiwillige haben an der Fundstelle Kerzen und Blumen niedergelegt. «Jeder Mensch verdient Würde, im Leben wie im Tod», sagt eine Passantin, die innehält.
Der tragische Todesfall auf der Lombardsbrücke macht deutlich, dass trotz aller Bemühungen noch immer Menschen durch das soziale Netz fallen. Er erinnert die Stadtgesellschaft daran, dass Obdachlosigkeit mehr ist als ein Wohnungsproblem – es geht um Menschenleben. Die Diskussion über bessere Hilfsangebote wird Hamburg noch länger beschäftigen.