In Stuttgart-Vaihingen sorgt die geplante Stadtbahntrasse U5/U6 für erhebliche Spannungen zwischen städtischen Mobilitätszielen und landwirtschaftlichen Interessen. Der Landwirt Peter Wagner sieht durch das Infrastrukturprojekt seine Existenz unmittelbar bedroht. Die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) plant die Verlängerung der Stadtbahnlinien vom bisherigen Endpunkt in Vaihingen nach Dürrlewang und zum Eiermann-Campus – direkt über Teile von Wagners Ackerland.
Wagner bewirtschaftet seit Generationen etwa 35 Hektar Fläche im Stadtgebiet. «Für meine Familie ist das keine abstrakte Diskussion um ein paar Quadratmeter Land. Es geht um unsere Existenzgrundlage,» erklärt der Landwirt im Gespräch. Besonders kritisch sieht er den Verlust seiner besten Böden, die er für den intensiven Gemüseanbau benötigt. «Diese Flächen kann man nicht einfach woanders ersetzen. Wir haben hier über Jahrzehnte Bodenqualität aufgebaut.»
Die SSB betont die Notwendigkeit der neuen Trasse für die Verkehrswende in Stuttgart. Projektleiter Michael Schindler erklärt: «Die Stadtbahn ist ein zentrales Element für nachhaltige Mobilität in Stuttgart. Wir verstehen die Sorgen der Landwirte, müssen aber auch die Mobilitätsbedürfnisse von tausenden Bürgern berücksichtigen.» Nach SSB-Berechnungen würden täglich etwa 12.000 Fahrgäste die neue Verbindung nutzen.
Der Konflikt in Stuttgart-Vaihingen steht exemplarisch für eine größere Herausforderung: Wie lassen sich notwendige Infrastrukturprojekte umsetzen, ohne die ohnehin schwindende landwirtschaftliche Nutzfläche weiter zu reduzieren? In Baden-Württemberg gehen laut Statistischem Landesamt täglich etwa 5 Hektar Landwirtschaftsfläche für Siedlungs- und Verkehrszwecke verloren.
Der Stuttgarter Gemeinderat hat dem Trassenverlauf bereits grundsätzlich zugestimmt, allerdings mit der Auflage, die Auswirkungen auf landwirtschaftliche Betriebe zu minimieren. Stadtrat Matthias von Staa (Grüne) erläutert: «Wir stehen vor einem klassischen Zielkonflikt: Einerseits wollen wir den ÖPNV stärken, andererseits regionale Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft fördern. Beides sind wichtige Nachhaltigkeitsziele.»
Die Stadt prüft derzeit alternative Trassenverläufe und Kompensationsmöglichkeiten. Eine Option wäre, Wagner Ersatzflächen anzubieten. Doch der Landwirt bleibt skeptisch: «Es gibt kaum vergleichbare Flächen in Stadtnähe. Und selbst wenn – es braucht Jahre, um die Bodenqualität aufzubauen, die wir jetzt haben.»
Der Verband der Landwirte in Stuttgart fordert einen grundsätzlichen Umdenken in der Stadtplanung. Verbandssprecher Martin Höfle kritisiert: «Landwirtschaftliche Flächen werden immer noch als Reserve für Bauprojekte betrachtet. Dabei sind sie für die lokale Lebensmittelversorgung und als Kulturlandschaft unverzichtbar.»
Anwohner in Dürrlewang und am Eiermann-Campus hingegen befürworten mehrheitlich die neue Stadtbahnverbindung. Eine Bürgerinitiative hat über 2.500 Unterschriften für die zügige Umsetzung gesammelt. «Wir brauchen dringend eine bessere ÖPNV-Anbindung», erklärt Initiativensprecher Thomas Möller. «Viele Pendler stehen täglich im Stau oder quälen sich in überfüllten Bussen.»
Die Stadtverwaltung hat einen runden Tisch eingerichtet, an dem Vertreter der SSB, betroffene Landwirte, Anwohner und Umweltverbände gemeinsam nach Lösungen suchen sollen. Oberbürgermeister Frank Nopper betont: «Wir nehmen die Sorgen der Landwirte sehr ernst. Gleichzeitig müssen wir für die wachsende Stadt eine zukunftsfähige Verkehrsinfrastruktur schaffen.»
Für Peter Wagner bleibt die Situation bedrohlich. «Wenn die Trasse wie geplant gebaut wird, verlieren wir nicht nur Land. Wir verlieren die Grundlage unserer Arbeit und eine Familientradition, die über Generationen gewachsen ist.» Er hofft auf einen Kompromiss, der sowohl seine Existenz als auch die Mobilitätsbedürfnisse der Stadtbewohner berücksichtigt.
Der Fall zeigt, wie schwierig der Ausgleich zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen sein kann. Während der öffentliche Nahverkehr als umweltfreundliche Alternative zum Auto gilt, ist auch regionale Landwirtschaft ein wichtiger Baustein für Klimaschutz und Versorgungssicherheit. Die Entscheidung über den endgültigen Trassenverlauf soll im kommenden Frühjahr fallen. Bis dahin suchen alle Beteiligten weiter nach dem bestmöglichen Kompromiss.