In der Faschingszeit verwandelt sich München nicht nur in eine Hochburg der Narren, sondern auch in einen Experimentierraum für kühne kulinarische Kreationen. Die neueste Erfindung, die die Stadt in zwei Lager spaltet, ist der Weißwurstkrapfen – eine ungewöhnliche Verschmelzung zweier bayerischer Klassiker.
«Der Faschingszeit ist nichts heilig, nicht einmal unsere geliebte Weißwurst», lacht Maria Huber, während sie in ihrer Bäckerei im Münchner Westend den ungewöhnlichen Krapfen präsentiert. Das Gebäck sieht zunächst aus wie ein klassischer Faschingskrapfen, doch statt süßer Marmelade verbirgt sich im Inneren eine herzhafte Überraschung: eine Füllung aus pürierten Weißwürsten, verfeinert mit süßem Senf.
Die Idee entstand während eines geselligen Abends unter Bäckereikollegen. «Wir haben überlegt, womit wir die Münchner in diesem Fasching überraschen können», erklärt Huber. «Nach dem dritten Weißbier kam dann die Erleuchtung: Warum nicht die zwei bayerischsten Dinge überhaupt kombinieren?»
Seit zwei Wochen bietet die Bäckerei die ungewöhnliche Kreation an, und die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. «Manche Kunden kaufen gleich ein Dutzend und schwören, nie etwas Besseres gegessen zu haben», berichtet Verkäuferin Lisa Maier. «Andere schütteln nur den Kopf und murmeln etwas von Kulturfrevel.»
Die soziale Medienlandschaft spiegelt diese Spaltung wider. Auf Instagram und TikTok teilen junge Münchner begeistert Videos ihrer ersten Kostprobe, während traditionsbewusste Bürger in den Kommentarspalten ihrem Unmut Luft machen.
Stadtrat Ferdinand Meier von der CSU gehört zu den Kritikern: «Die Weißwurst hat ihr eigenes Ritual, und dazu gehört gewiss nicht, sie in einen Krapfen zu stopfen. Manche Traditionen sollte man respektieren.» Doch Oberbürgermeister Dieter Reiter zeigt sich offener: «Der Fasching ist die Zeit der Narrenfreiheit. Wenn wir nicht einmal dann mit unseren Traditionen spielen dürfen, wann dann?»
Ernährungswissenschaftlerin Dr. Claudia Werner von der Ludwig-Maximilians-Universität München sieht die Kombination mit gemischten Gefühlen: «Die Mischung aus süß und herzhaft ist nicht ungewöhnlich in der Gastronomie. Dennoch ist die Kombination aus fettigem Gebäck und Fleischwaren aus ernährungswissenschaftlicher Sicht keine Empfehlung für den täglichen Verzehr.»
Der Münchner Gastronom und Foodblogger Sebastian König hingegen feiert die Kreation: «Bayern war immer schon innovativ, auch wenn wir gerne so tun, als wäre alles seit Jahrhunderten in Stein gemeißelt. Der Weißwurstkrapfen ist genau die Art von verrückter Innovation, die den Fasching ausmacht.»
In der Traditionsbäckerei Müller am Viktualienmarkt will man von der neumodischen Kreation nichts wissen. «Bei uns gibt es Krapfen mit Marmelade, wie es sich gehört«, betont Seniorchef Anton Müller. «Wer Weißwurst will, soll zum Metzger gehen.»
Doch die Nachfrage nach dem ungewöhnlichen Gebäck wächst. Mehrere Bäckereien haben bereits angekündigt, eigene Versionen anzubieten. Einige experimentieren mit Variationen wie dem Leberkäskrapfen oder dem Obazda-Krapfen.
Thomas Schmid, Vorsitzender der Bäckerinnung München, sieht die Entwicklung gelassen: «Der Fasching ist seit jeher eine Zeit des Übermuts und der Kreativität. Wenn unsere Kollegen mit solchen Ideen ein bisschen Aufmerksamkeit für das Handwerk generieren, ist das doch wunderbar.»
Für die Erfinder ist der Weißwurstkrapfen jedenfalls ein voller Erfolg – unabhängig davon, ob er nun geliebt oder gehasst wird. «In der Faschingszeit geht es darum, die Welt ein bisschen auf den Kopf zu stellen», meint Bäckerin Huber. «Und wenn sich die Leute dabei aufregen oder freuen – umso besser!»
Ob der Weißwurstkrapfen nach der Faschingszeit überlebt oder als einmalige Kuriosität in die Münchner Stadtgeschichte eingeht, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch sicher: In einer Stadt, in der Tradition und Innovation seit jeher Hand in Hand gehen, wird auch der nächste Fasching neue kulinarische Überraschungen bereithalten.