Nach fast einem Jahrhundert Berliner Geschichte muss das traditionsreiche Delikatessengeschäft Rogacki im Stadtteil Charlottenburg endgültig seine Türen schließen. Das Familienunternehmen, das seit 1932 feinste Fisch- und Fleischspezialitäten anbot, hat Insolvenz angemeldet. Damit verliert Berlin nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück lebendiger West-Berliner Identität.
Am letzten Öffnungstag bildeten sich lange Schlangen vor dem Geschäft in der Wilmersdorfer Straße. Viele Stammkunden wollten sich persönlich verabschieden und ein letztes Mal die berühmten Fischbrötchen genießen. Eine ältere Dame, die seit über 40 Jahren regelmäßig bei Rogacki einkauft, hatte Tränen in den Augen: «Es ist, als würde ein Teil von Berlin-West verschwinden.»
Die Geschichte von Rogacki begann 1932, als der polnischstämmige Fleischermeister Herrmann Rogacki gemeinsam mit seiner Frau Luise das Geschäft gründete. Aus einem kleinen Laden entwickelte sich über Jahrzehnte eine Institution, die selbst die Wirren des Zweiten Weltkriegs überdauerte. In der Nachkriegszeit wurde Rogacki zum Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung West-Berlins und zum Anziehungspunkt für Feinschmecker.
Während der Teilung der Stadt entwickelte sich das Delikatessenhaus zu einem Sehnsuchtsort für Ost-Berliner. Nach dem Mauerfall wurde es zur kulinarischen Brücke zwischen Ost und West. Rogacki stand für eine besondere Form des West-Berliner Lebensgefühls: traditionsbewusst und zugleich weltoffen.
Geschäftsführerin Daniela Rogacki, die das Familienunternehmen in dritter Generation führte, nennt mehrere Gründe für das Aus: «Die Corona-Pandemie hat uns schwer getroffen. Dann kamen die steigenden Energiekosten und Rohstoffpreise hinzu.» Auch das veränderte Einkaufsverhalten der Kunden und der Fachkräftemangel hätten zur wirtschaftlich unhaltbaren Situation beigetragen.
Was Rogacki besonders machte, war die Kombination aus Verkaufstheken und Stehimbiss. An langen Marmortheken boten über 50 Mitarbeiter handgefertigte Wurstwaren, frischen Fisch und internationale Delikatessen an. Gleichzeitig konnte man an Stehtischen Fischbrötchen, Austern oder die berühmte Rogacki-Currywurst genießen. Diese besondere Atmosphäre zog nicht nur Berliner, sondern auch Touristen und Prominente an.
Der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Schmidt von der Humboldt-Universität sieht in der Schließung mehr als nur das Ende eines Geschäfts: «Rogacki war ein identitätsstiftender Ort für West-Berlin. Solche Traditionsgeschäfte sind kulturelle Anker in einer sich schnell wandelnden Stadt. Ihr Verschwinden hinterlässt Lücken im kollektiven Gedächtnis der Stadtgesellschaft.»
Die Mitarbeiter wurden von der Insolvenz überrascht. Koch Peter Müller, der seit 22 Jahren bei Rogacki arbeitet, erzählt: «Wir waren wie eine Familie. Viele von uns haben ihr ganzes Berufsleben hier verbracht.» Nun müssen sich die rund 50 Beschäftigten neue Arbeitsstellen suchen.
Der Bezirksstadtrat für Wirtschaft in Charlottenburg-Wilmersdorf, Arne Herz, bedauert die Schließung: «Mit Rogacki geht ein Stück Berliner Wirtschaftsgeschichte verloren. Solche inhabergeführten Fachgeschäfte prägen das Gesicht unserer Kieze und sind wichtig für die Nahversorgung.»
Stammkundin Helga Schmidt, 76, kommt seit ihrer Kindheit zu Rogacki: «Früher ging ich mit meiner Mutter hierher, später mit meinen Kindern, und zuletzt mit meinen Enkeln. Der Räucherfisch von Rogacki gehörte zu jeder Familienfeier dazu.» Sie habe nun Angst, dass immer mehr solcher traditionellen Geschäfte verschwinden würden.
Was mit den Räumlichkeiten in der Wilmersdorfer Straße geschehen wird, ist noch unklar. Es gibt Gerüchte über Interessenten, die das Konzept in abgewandelter Form fortführen wollen, aber konkrete Pläne wurden bisher nicht bestätigt.
Die Schließung von Rogacki reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung: Immer mehr Traditionsgeschäfte in Berlin müssen aufgeben. Steigende Mieten, veränderte Konsumgewohnheiten und der Online-Handel machen inhabergeführten Fachgeschäften das Leben schwer. Jede Schließung bedeutet nicht nur den Verlust von Arbeitsplätzen, sondern auch von Orten mit Geschichte und Charakter.
Das Ende von Rogacki markiert einen weiteren Schritt im Verschwinden des alten West-Berlin. Während sich die Stadt kontinuierlich erneuert und verändert, verschwinden die Erinnerungsorte der geteilten Stadt. Damit verblasst auch das Gedächtnis an eine Zeit, die Berlin wie keine andere geprägt hat.
Am letzten Tag bei Rogacki tauschten Kunden und Mitarbeiter Erinnerungen und Telefonnummern aus. Viele machten noch einmal Fotos von den Theken und der unverwechselbaren Einrichtung. «Es ist das Ende einer Ära», sagte ein langjähriger Kunde, während er ein letztes Mal ein Fischbrötchen bestellte.