In einem Dortmunder Mehrfamilienhaus kämpft eine fünfköpfige Familie mit einem Problem, das viele Mieter kennen: Schimmel. Die schwarzen Flecken an den Wänden sind mehr als nur ein optisches Problem – sie stellen ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar, besonders für die drei Kinder der Familie.
«Der Schimmel ist überall. In den Kinderzimmern, im Schlafzimmer, sogar im Wohnzimmer», berichtet die Mutter mit besorgter Stimme. Seit Monaten leidet die Familie unter den Folgen der Feuchtigkeit in ihrer Wohnung. Die Kinder klagen regelmäßig über Atemwegsbeschwerden und Kopfschmerzen – typische Symptome, die mit Schimmelbelastung in Verbindung gebracht werden.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen, das Problem mit dem Vermieter zu klären, wandte sich die Familie schließlich an das Dortmunder Wohnungsamt. Was als Hilferuf gedacht war, führte jedoch zu einer dramatischen Wendung: Statt Unterstützung bei der Behebung der Mängel zu erhalten, bekam die Familie eine Räumungsklage.
Vom Hilferuf zur Räumungsklage
«Wir wollten nur in einer gesunden Wohnung leben», erklärt der Familienvater. «Jetzt stehen wir vor dem Nichts.» Nach der Meldung beim Wohnungsamt kam es zur Besichtigung durch einen Sachverständigen, der erhebliche Mängel feststellte. Die Wohnung wurde als gesundheitsgefährdend eingestuft.
Was die Familie nicht ahnte: Der Vermieter würde nicht etwa die Mängel beheben, sondern sich für einen anderen Weg entscheiden. Kurz nach der amtlichen Feststellung des Schimmelbefalls erhielt die Familie die Kündigung. Der Vermieter argumentierte, die Wohnung müsse umfassend saniert werden und sei in diesem Zustand nicht bewohnbar.
Nach Angaben der Mieterberatung Dortmund ist dieser Fall leider kein Einzelfall. «Wir erleben immer wieder, dass Mieter, die Mängel melden, mit Kündigung oder anderen Nachteilen rechnen müssen», sagt Beraterin Maria Schmidt. «Viele trauen sich deshalb gar nicht, ihre Rechte einzufordern.»
Die rechtliche Situation
In Deutschland haben Mieter grundsätzlich das Recht auf eine mängelfreie Wohnung. Bei erheblichen Mängeln wie Schimmelbefall können sie die Miete mindern oder den Vermieter zur Beseitigung der Mängel auffordern. Doch in der Praxis führt dies häufig zu Konflikten.
«Rechtlich steht die Familie eigentlich gut da», erläutert Rechtsanwalt Thomas Weber, der auf Mietrecht spezialisiert ist. «Der Vermieter ist verpflichtet, den Schimmel zu beseitigen. Eine Kündigung wegen der Meldung von Mängeln ist eigentlich nicht zulässig.»
Doch die Realität sieht anders aus. Der Vermieter beruft sich auf die Notwendigkeit einer Komplettsanierung und hat bereits ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Für die betroffene Familie bedeutet das nicht nur rechtliche Auseinandersetzungen, sondern auch die belastende Suche nach einer neuen Wohnung.
Wohnungsnot verschärft die Lage
In Dortmund, wie in vielen deutschen Großstädten, ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Besonders für Familien mit Kindern gestaltet sich die Wohnungssuche schwierig. Die durchschnittliche Miete für eine familientaugliche Wohnung ist in den letzten fünf Jahren um fast 30 Prozent gestiegen.
«Wir suchen seit Wochen nach einer neuen Wohnung», berichtet die Mutter verzweifelt. «Entweder sind die Wohnungen unbezahlbar oder wir werden abgelehnt, sobald die Vermieter hören, dass wir drei Kinder haben.»
Das Dortmunder Sozialamt hat der Familie Unterstützung bei der Wohnungssuche zugesagt. Doch die Aussichten sind düster. Aktuell stehen mehr als 5.000 Haushalte auf der Warteliste für eine Sozialwohnung in der Stadt.
Ein systemisches Problem
Experten sehen in diesem Fall ein symptomatisches Problem des deutschen Wohnungsmarktes. «Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum führt dazu, dass Mieter in schlechten Wohnverhältnissen ausharren, aus Angst, überhaupt keine Wohnung mehr zu finden», erklärt Stadtsoziologin Dr. Petra Müller von der TU Dortmund.
Die Statistik gibt ihr Recht: Nach Angaben des Deutschen Mieterbundes leben etwa 1,5 Millionen Haushalte in Deutschland in Wohnungen mit Feuchtigkeits- oder Schimmelproblemen. Besonders betroffen sind Altbauten und günstigere Wohnungen, in denen oft einkommensschwächere Familien leben.
Für die betroffene Dortmunder Familie bleibt die Situation prekär. Der Gerichtstermin zur Räumungsklage steht bereits fest. Gleichzeitig verschlechtern sich die gesundheitlichen Probleme der Kinder durch den anhaltenden Schimmelbefall.
Solidarität aus der Nachbarschaft
Inzwischen hat sich im Viertel eine kleine Solidaritätsbewegung für die Familie gebildet. Nachbarn helfen bei der Wohnungssuche, eine lokale Initiative sammelt Spenden für mögliche Umzugskosten.
«Es ist bewegend zu sehen, wie die Menschen zusammenhalten», sagt der Vater. «Das gibt uns Kraft in dieser schwierigen Situation.»
Die Familie hofft nun auf juristische Unterstützung vom Mieterverein und auf ein Einlenken des Vermieters. Doch die Zeit drängt. In wenigen Wochen könnte die Zwangsräumung anstehen, wenn keine Lösung gefunden wird.
Der Fall zeigt eindrücklich das Dilemma vieler Mieter: Schweigen und in gesundheitsgefährdenden Verhältnissen leben oder Missstände melden und riskieren, das Dach über dem Kopf zu verlieren. Eine Situation, die nach Ansicht von Mietervertretern dringend politische Lösungen erfordert.