In einer Zeit, in der viele Bürger das Gefühl haben, ihre Stimme werde nicht gehört, spricht Thomas W. aus Zehlendorf Klartext. Der 56-jährige Berliner äußert in einem ausführlichen Gespräch mit unserer Redaktion seine Frustration über die aktuelle politische Lage und den Umgang der Behörden mit den Alltagsproblemen der Menschen.
«Der Staat kennt mein Portemonnaie bis ins kleinste Detail, aber von meinen wirklichen Problemen hat er keine Ahnung», erklärt Thomas, während wir uns in einem Café in Zehlendorf treffen. Der gelernte Elektroingenieur arbeitet seit 25 Jahren in einem mittelständischen Unternehmen und beschreibt sich selbst als «politisch interessiert, aber zunehmend desillusioniert».
Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die wachsende Kluft zwischen politischen Entscheidungen und den Lebensrealitäten der Bürger. «Früher hatte ich das Gefühl, dass Politik für Menschen gemacht wird. Heute scheint es oft so, als würden Entscheidungen ohne Rücksicht auf die Auswirkungen im Alltag getroffen», sagt er mit hörbarer Enttäuschung in der Stimme.
Besonders die steigenden Lebenshaltungskosten bereiten ihm Sorgen. Die Mieten in seinem Kiez sind in den letzten Jahren drastisch gestiegen, viele langjährige Nachbarn mussten bereits wegziehen. «Das verändert nicht nur die Zusammensetzung der Nachbarschaft, sondern zerstört auch gewachsene soziale Strukturen», erklärt er. Thomas zahlt inzwischen fast 40 Prozent seines Einkommens für Wohnkosten – deutlich mehr als noch vor fünf Jahren.
Der Bezirk Zehlendorf, traditionell als wohlhabend bekannt, zeigt inzwischen deutliche Risse in seinem sozialen Gefüge. Laut aktuellen Zahlen des Berliner Senats sind die Mietpreise hier in den letzten drei Jahren um durchschnittlich 18 Prozent gestiegen – schneller als in vielen anderen Bezirken.
«Die Politik spricht viel von bezahlbarem Wohnraum, aber ich sehe keine wirksamen Maßnahmen», kritisiert Thomas. Er habe das Gefühl, dass die Stadtplanung hauptsächlich Investoreninteressen bediene, während die Bedürfnisse der Anwohner nachrangig behandelt würden. In seinem direkten Umfeld wurden drei Wohnhäuser von Investoren aufgekauft, renoviert und anschließend zu deutlich höheren Preisen neu vermietet.
Seine Kritik beschränkt sich nicht nur auf die Wohnungspolitik. Auch beim Thema Mobilität sieht er große Probleme: «Der öffentliche Nahverkehr in Zehlendorf hat sich in den letzten Jahren verschlechtert. Busse fallen aus, die U-Bahn ist oft überfüllt. Gleichzeitig werden Parkplätze reduziert und das Autofahren durch neue Regelungen erschwert.»
Das Mobilitätskonzept des Senats, das auf Verkehrsberuhigung und Förderung des Radverkehrs setzt, stößt bei ihm auf Unverständnis. «Nicht jeder kann oder will Fahrrad fahren. Besonders ältere Menschen oder Familien mit Kindern sind auf Autos angewiesen», meint Thomas. Er selbst fährt täglich mit dem Auto zur Arbeit, weil die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu zeitaufwendig sei.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern. «Wenn ich ein Problem habe und mich an die zuständige Stelle wende, werde ich oft von einer Abteilung zur nächsten verwiesen. Am Ende fühle ich mich nicht ernst genommen», berichtet Thomas aus eigener Erfahrung. Als vor zwei Jahren eine Baustelle monatelang seine Straße blockierte, habe er vier verschiedene Ämter kontaktieren müssen, bis er eine verbindliche Auskunft erhielt.
Diese Erfahrungen haben sein Vertrauen in staatliche Institutionen stark erschüttert. «Ich zahle pünktlich meine Steuern, halte mich an alle Regeln, aber wenn ich selbst Unterstützung brauche, fühle ich mich alleingelassen», fasst er zusammen.
Thomas ist mit seiner Kritik nicht allein. Bei einer Bürgerversammlung im Rathaus Zehlendorf im vergangenen Monat äußerten zahlreiche Anwohner ähnliche Bedenken. Die Bezirksbürgermeisterin versprach daraufhin mehr Bürgernähe und bessere Kommunikationskanäle.
Doch Thomas bleibt skeptisch: «Schöne Worte habe ich schon oft gehört. Was wir brauchen, sind konkrete Maßnahmen.» Er wünscht sich eine Politik, die wieder stärker an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist. «Die Politiker sollten öfter aus ihren Büros herauskommen und mit uns sprechen – nicht nur vor Wahlen.»
Auch die Berichterstattung in den Medien sieht er kritisch. «Viele wichtige lokale Themen finden kaum Beachtung. Stattdessen dominieren bundesweite Debatten, die mit unserer Lebensrealität hier im Kiez wenig zu tun haben», meint er. Diese Entfremdung zwischen Medien und Lebenswirklichkeit trage zur wachsenden Politikverdrossenheit bei.
Trotz aller Kritik hat Thomas die Hoffnung noch nicht aufgegeben. «Ich glaube daran, dass Veränderung möglich ist, wenn genug Menschen ihre Stimme erheben», sagt er zum Abschluss unseres Gesprächs. Er engagiert sich inzwischen in einer lokalen Bürgerinitiative, die sich für mehr Transparenz bei Bauprojekten im Bezirk einsetzt.
Sein Appell an die Politik ist klar: «Hört uns zu, nehmt unsere Sorgen ernst und arbeitet mit uns zusammen statt gegen uns.» Diese Botschaft richtet sich an alle politischen Ebenen – vom Bezirk bis zur Bundesregierung.
Die Stadtentwicklungssenatorin hat auf Anfrage unserer Redaktion eine Stellungnahme zu den Kritikpunkten angekündigt. Wir werden in den kommenden Tagen darüber berichten. In der Zwischenzeit plant die Bürgerinitiative um Thomas eine Unterschriftenaktion für mehr Bürgerbeteiligung bei Entscheidungen zur Stadtentwicklung in Zehlendorf.