Die Debatte um Deutschlands Arbeitsmoral schwelt wieder. Friedrich Merz sorgte mit seiner jüngsten Kritik am Krankenstand für Wirbel. «Wir können uns die vielen Krankheitstage nicht mehr leisten», erklärte der CDU-Chef bei einem Unternehmerforum. Tatsächlich verzeichnet die Statistik einen Anstieg: Im vergangenen Jahr erreichte der Krankenstand mit 5,5 Prozent einen Höchstwert seit Jahrzehnten.
Doch was steckt hinter den Zahlen? Experten verweisen auf verschiedene Faktoren. Der demografische Wandel spielt eine wesentliche Rolle. «Eine alternde Belegschaft bedeutet naturgemäß mehr gesundheitliche Ausfälle», erklärt Arbeitsmarktforscherin Prof. Dr. Andrea Klein. Hinzu kommen die Nachwirkungen der Pandemie. Viele psychische Erkrankungen wurden erst später sichtbar.
Meine Beobachtungen in der Redaktion zeigen ähnliche Muster. Jüngere Kolleginnen und Kollegen sprechen offener über mentale Gesundheit. Was früher verschwiegen wurde, wird heute beim Namen genannt. Gleichzeitig stellt der Fachkräftemangel Unternehmen vor enorme Herausforderungen. Ausfälle wiegen schwerer, wenn Ersatz fehlt.
Die Diskussion berührt letztlich unser Verständnis von Arbeit und Leistung. Ist Deutschland wirklich die «Krankheitsweltmeister», wie manchmal behauptet wird? Oder brauchen wir einen differenzierteren Blick auf Gesundheit am Arbeitsplatz? Die Antwort liegt vermutlich zwischen politischer Rhetorik und gesellschaftlicher Realität. Während wir über Zahlen streiten, geht es eigentlich um die Frage, welchen Wert wir Wohlbefinden und Produktivität beimessen.