Im Leipziger Stadtteil Connewitz gehen die Menschen regelmäßig auf die Straße, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Was in den bundesweiten Medien oft als «linksautonomer Hotspot» dargestellt wird, zeigt sich bei genauerem Hinsehen als vielfältiges Viertel mit langer Protesttradition.
«Hier leben nicht nur Autonome, sondern Familien, Studierende und ältere Menschen, die sich gemeinsam gegen Rechtsruck und für eine offene Gesellschaft einsetzen», erklärt Sozialarbeiterin Mira Heinze, die seit 15 Jahren in Connewitz lebt.
Nach der Veröffentlichung der Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen mit Deportationsplänen gingen auch in Connewitz tausende Menschen auf die Straße. Die Demonstrationen verliefen überwiegend friedlich. Die Leipziger Polizei spricht von konstruktiver Zusammenarbeit mit den Veranstaltern.
Doch das Verhältnis zwischen Polizei und Teilen der Bevölkerung bleibt angespannt. Bei vergangenen Einsätzen gab es immer wieder Vorwürfe der Unverhältnismäßigkeit. «Die Darstellung von Connewitz in überregionalen Medien entspricht oft nicht der Realität vor Ort», betont Stadtteilhistoriker Jens Weber.
Der Stadtteil hat eine lange Geschichte als Zentrum des Widerstands – schon zu DDR-Zeiten trafen sich hier Oppositionelle. Nach der Wende entwickelte sich das Viertel zu einem Ort alternativer Lebensformen und politischen Engagements.
«Die aktuelle Protestwelle gegen Rechts ist breiter aufgestellt als frühere Bewegungen», erklärt Politikwissenschaftlerin Dr. Claudia Müller von der Universität Leipzig. «Hier demonstrieren nicht nur junge Aktivisten, sondern Menschen aller Altersgruppen und sozialer Schichten.»
Zwischen historischen Gründerzeitbauten und selbstverwalteten Kulturprojekten ist Connewitz heute ein begehrtes Wohnviertel. Die steigenden Mieten führen zu Verdrängungsängsten bei langjährigen Bewohnern. Gleichzeitig wächst die Sorge vor einem gesellschaftlichen Rechtsruck.
«Die Demonstrationen in Leipzig und bundesweit zeigen, dass viele Menschen nicht schweigen wollen», sagt Stadträtin Franziska Riekewald. «In Connewitz hat das gemeinsame Eintreten für demokratische Werte eine besondere Tradition.»
Nach Einschätzung der Polizeidirektion Leipzig ist die Lage im Stadtteil derzeit ruhig. Für das kommende Wochenende sind weitere Demonstrationen angemeldet, bei denen die Organisatoren mit mehreren tausend Teilnehmern rechnen.
Im Alltag zeigt sich Connewitz von einer anderen Seite: Auf dem Wochenmarkt kaufen Familien ein, Cafés sind gut besucht, und in den zahlreichen Vereinen und Initiativen engagieren sich Menschen für ihr Viertel.
«Wir sind mehr als die Schlagzeilen über brennende Barrikaden», betont Buchhändlerin Jana Schmidt. «Hier findet täglich gelebte Solidarität statt – in Nachbarschaftshilfen, Foodsharing-Projekten und beim gemeinsamen Einstehen gegen Diskriminierung.»
Die aktuelle Protestwelle wird von vielen Bewohnern als notwendig angesehen. Angesichts steigender Umfragewerte für rechtsextreme Parteien und der zunehmenden Normalisierung menschenfeindlicher Positionen sehen sie sich in der Verantwortung, klare Kante zu zeigen.
«In einer Zeit, in der demokratische Grundwerte unter Druck geraten, ist zivilgesellschaftlicher Protest unverzichtbar», sagt der Leipziger Soziologe Dr. Martin Heinemann. «Connewitz steht dabei symbolisch für eine Haltung, die auch in anderen Stadtteilen und Städten immer sichtbarer wird.»