Weiße Giganten treiben seit gestern auf der Elbe durch Hamburg. Was zunächst wie eine Szene aus dem hohen Norden wirkt, ist tatsächlich ein seltenes Naturschauspiel mitten in der Hansestadt.
Am frühen Samstagmorgen entdeckten Anwohner der HafenCity die ersten treibenden Eisschollen. Binnen weniger Stunden wuchs das Phänomen zu beeindruckenden Eisformationen an, die an kleinere Eisberge erinnern. «Ich wohne seit über 30 Jahren am Hafen, aber so etwas habe ich noch nie gesehen«, berichtet Klaus Weber, Anwohner aus Altona.
Die Eisberge entstanden durch die ungewöhnliche Wetterlage der letzten zwei Wochen. Temperaturen von konstant unter -10 Grad, kombiniert mit starkem Ostwind, haben die Oberflläche der Elbe in den flacheren Bereichen gefrieren lassen. «Bei Flut brechen diese Eisplatten, werden von der Strömung erfasst und türmen sich teilweise auf«, erklärt Dr. Sabine Müller vom Institut für Küstenforschung.
Die Hamburger Hafenbehörde hat vorsorglich Einschränkungen für kleinere Schiffe verhängt. «Die Situation ist nicht gefährlich, aber wir müssen vorsichtig sein«, sagt Hafenkapitän Jens Schmidt. Besonders betroffen sind die Bereiche um die Elbphilharmonie, Landungsbrücken und Teile des Hafens.
Das seltene Naturereignis lockt tausende Schaulustige an. Entlang der Elbe haben sich Menschentrauben gebildet, besonders an den Landungsbrücken und am Elbstrand in Övelgönne. Viele Hamburger nutzen die Gelegenheit für außergewöhnliche Fotos. «Es ist wie ein kostenloses Naturspektakel mitten in der Stadt«, freut sich Fotografin Maren Schulz, die extra aus Bergedorf angereist ist.
Die Wasserschutzpolizei warnt jedoch vor dem Betreten der Eisschollen. «Die Eisberge sehen stabil aus, können aber jederzeit brechen oder kippen«, mahnt Polizeisprecher Thomas Klein. Bereits am Vormittag mussten zwei Jugendliche gerettet werden, die auf eine Eisscholle geklettert waren.
Wissenschaftler sehen in dem Phänomen auch ein Zeichen des Klimawandels. «Solche extremen Wetterlagen mit plötzlichen Kälteeinbrüchen werden durch die globale Erwärmung paradoxerweise wahrscheinlicher«, erläutert Klimaforscher Prof. Dr. Martin Weber von der Universität Hamburg.
Für Hamburgs Gastronomie bringt das Naturschauspiel unerwarteten Umsatz. Cafés und Restaurants entlang der Elbe berichten von vollem Haus. «Wir haben heute dreimal so viele Gäste wie an einem normalen Januartag«, berichtet Ingo Müller vom Café Elbblick in Övelgönne.
Die HADAG hat spontan Sonderfahrten der Hafenfähren eingerichtet, um den Besuchern bessere Aussichten zu ermöglichen. «Die Nachfrage ist enorm, unsere Fähren sind seit dem Morgen ständig ausgebucht«, sagt HADAG-Sprecherin Petra Schmitz.
Nach Einschätzung der Meteorologen wird das Eis-Spektakel noch etwa zwei bis drei Tage anhalten. «Ab Dienstag erwarten wir deutlich mildere Temperaturen, dann werden die Eisberge schnell schmelzen«, prognostiziert Meteorologe Jan Hendrik vom Deutschen Wetterdienst.
Die Hamburger Umweltbehörde nutzt das ungewöhnliche Ereignis für Bildungszwecke und hat kurzfristig Führungen für Schulklassen organisiert. «Wir wollen den Kindern zeigen, wie sich extreme Wetterereignisse auf unsere Stadt auswirken können«, erklärt Behördensprecherin Silke Neumann.
Für die Hamburger bleibt das Eis-Phänomen ein unvergessliches Erlebnis. «Es ist, als hätte sich ein Stück Arktis zu uns verirrt«, schwärmt Rentnerin Helga Krause, die mit ihrem Enkel an den Landungsbrücken steht. «Sowas erzählt man noch den Enkeln – wenn sie nicht schon dabei waren.«