In der Leonhardskirche in Stuttgart herrscht dieser Tage geschäftiges Treiben. Die Vesperkirche hat ihre Türen geöffnet und bietet bis zum 24. Februar einen Ort der Wärme, des Austauschs und der Unterstützung. Unter den Besuchern ist auch Jonathan, dessen Lebensweg exemplarisch für die oft unsichtbaren Schicksale hinter dem Thema Obdachlosigkeit steht.
«Vor drei Jahren hatte ich noch eine normale Wohnung und einen gut bezahlten Job als Testfahrer bei einem Automobilhersteller,» erzählt der 42-Jährige, während er in der Wärme der Kirche einen Teller Suppe vor sich hat. Sein Blick verrät, dass der Weg von dort bis hierher kein einfacher war.
Die Stuttgarter Vesperkirche, eine Institution seit über 30 Jahren, verzeichnet in diesem Jahr einen besorgniserregenden Anstieg der Besucherzahlen. «Wir sehen etwa 20 Prozent mehr Menschen als im Vorjahr,» berichtet Pfarrerin Gabriele Ehrmann, die das Projekt koordiniert. «Und das Erschreckende: Es kommen immer mehr Menschen, die bis vor kurzem mitten im Leben standen.»
Jonathan gehört zu dieser neuen Gruppe von Betroffenen. Nach einer Scheidung und dem Verlust seines Arbeitsplatzes im Zuge von Umstrukturierungen geriet sein Leben aus den Fugen. «Zuerst dachte ich, ich finde schnell wieder Arbeit. Aber ohne festen Wohnsitz wird das zum Teufelskreis,» erklärt er.
Die Sozialarbeiter der Vesperkirche kennen diese Situation nur zu gut. «Die Wohnungsnot in Stuttgart hat dramatische Ausmaße angenommen,» sagt Sozialarbeiter Michael Weiss. «Bei Mieten von durchschnittlich 15 Euro pro Quadratmeter reicht selbst ein mittleres Einkommen kaum noch aus.» Die Stadt verzeichnet aktuell etwa 2.300 offiziell als obdachlos registrierte Menschen, die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen.
In der Leonhardskirche bieten neben einem warmen Mittagessen auch Beratungsangebote, medizinische Versorgung und Seelsorge Unterstützung. Für Jonathan war es zunächst eine große Überwindung, hierher zu kommen. «Man schämt sich. Man will nicht zugeben, dass man es nicht mehr alleine schafft.»
Die Besucherstruktur der Vesperkirche hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert. «Früher kamen hauptsächlich ältere Menschen mit kleinen Renten oder langzeitarbeitslose Personen,» erläutert Diakon Werner Schmidt. «Heute sehen wir zunehmend Familien, Alleinerziehende und Menschen wie Jonathan, die durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ihre Existenzgrundlage verloren haben.»
Die Wohnungsknappheit in Stuttgart verschärft die Situation zusätzlich. Mit einer Leerstandsquote von unter einem Prozent zählt die Landeshauptstadt zu den angespanntesten Wohnungsmärkten Deutschlands. «Selbst mit staatlicher Unterstützung finden viele keine bezahlbare Wohnung mehr,» beklagt Stadträtin Monika Bauer, die sich für mehr sozialen Wohnungsbau einsetzt.
Für Jonathan hat der Besuch der Vesperkirche einen Wendepunkt markiert. Über die Beratungsangebote konnte er einen Platz in einer Notunterkunft finden und nimmt inzwischen an einem Qualifizierungsprogramm teil. «Ohne die Unterstützung hier wäre ich wahrscheinlich komplett abgerutscht,» sagt er mit einem vorsichtigen Lächeln.
Die Vesperkirche lebt vom Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer. Täglich sind etwa 70 Freiwillige im Einsatz, um die bis zu 600 Gäste zu versorgen. «Mir ist wichtig, dass die Menschen hier nicht nur satt werden, sondern auch wieder Würde und Zugehörigkeit erleben,» betont Ehrenamtskoordinatorin Sabine Müller.
Die Situation der Wohnungslosen in Stuttgart spiegelt eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider. «Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer,» analysiert der Soziologe Prof. Dr. Heinz Becker von der Universität Stuttgart. «Obdachlosigkeit ist dabei nur die sichtbarste Spitze des Eisbergs.»
Für viele Besucher der Vesperkirche geht es um mehr als nur materielle Unterstützung. «Der soziale Aspekt ist mindestens genauso wichtig,» weiß Seelsorgerin Martina Kraft. «Viele leiden unter Einsamkeit und dem Gefühl, nicht mehr dazuzugehören.»
Auch Jonathan schätzt diesen Aspekt besonders: «Hier wird man als Mensch gesehen, nicht als Problem oder Bittsteller.» Er hofft, bald wieder auf eigenen Beinen zu stehen. «Ich will wieder arbeiten, eine kleine Wohnung haben – nichts Besonderes, einfach nur ein normales Leben führen.»
Die Vesperkirche bietet in der kalten Jahreszeit eine wichtige Anlaufstelle, doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen. «Wir brauchen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum und niedrigschwellige Hilfsangebote,» fordert Pfarrerin Ehrmann.
Während Jonathan seine leere Suppenschale zurückbringt, wirkt er nachdenklich. «Weißt du, was das Schlimmste an der Obdachlosigkeit ist? Nicht die Kälte oder der Hunger – es ist das Gefühl der Unsichtbarkeit. Als würde man nicht mehr existieren.» In der Vesperkirche hat er zumindest für eine Weile seine Sichtbarkeit zurückerlangt.