In einer Zeit, in der Spaltungen in der Gesellschaft zunehmen, startet in Berlin ein bemerkenswertes Projekt. «Toleranz macht Schule» bringt Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Stadtteilen zusammen, um Verständnis und Respekt zu fördern. Das Projekt wurde gestern offiziell im Roten Rathaus vorgestellt.
«Wir leben in herausfordernden Zeiten», erklärte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch bei der Auftaktveranstaltung. «Gerade jetzt müssen wir unseren Kindern zeigen, wie wichtig der respektvolle Umgang miteinander ist.» Rund 25 Schulen aus allen Bezirken Berlins nehmen an dem Projekt teil, das über das gesamte Schuljahr 2024/25 laufen wird.
Die Idee ist einfach, aber wirkungsvoll: Schulklassen aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Umfeldern werden miteinander vernetzt. Die Jugendlichen besuchen sich gegenseitig, arbeiten an gemeinsamen Projekten und lernen die Lebenswelten der anderen kennen. Vom Märkischen Viertel bis Neukölln, von Spandau bis Marzahn – die teilnehmenden Schulen spiegeln die gesamte Vielfalt Berlins wider.
«Als wir das erste Mal die Klasse aus Zehlendorf besucht haben, dachte ich, die sind total anders als wir», erzählt Samira, 15, aus Wedding. «Aber jetzt haben wir sogar eine WhatsApp-Gruppe und treffen uns auch privat. Man merkt, dass wir eigentlich viel gemeinsam haben.»
Das Programm umfasst verschiedene Module. Neben den Begegnungen gibt es Workshops zu Themen wie Vorurteile, Diskriminierung und gewaltfreie Kommunikation. Auch Besuche in Gedenkstätten und interreligiöse Dialoge stehen auf dem Programm. Für die Lehrkräfte werden begleitende Fortbildungen angeboten.
Finanziert wird das Projekt mit 1,2 Millionen Euro aus dem Berliner Landeshaushalt. «Das ist gut investiertes Geld», betont der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. «Wir müssen früh anfangen, Brücken zu bauen, statt Mauern zu errichten.»
Experten begrüßen die Initiative. «Studien zeigen, dass persönliche Begegnungen die wirksamste Methode sind, um Vorurteile abzubauen», erklärt Dr. Martina Krause vom Berliner Institut für Konfliktforschung. «Wenn junge Menschen lernen, respektvoll mit Unterschieden umzugehen, prägt das ihre gesamte weitere Entwicklung.»
Die Schulen berichten von großem Interesse. «Wir hatten deutlich mehr Bewerbungen als Plätze», sagt Projektkoordinatorin Sabine Müller. «Das zeigt, dass der Bedarf da ist und die Schulen das Thema ernst nehmen.»
Ein besonderes Merkmal des Projekts ist die digitale Komponente. Über eine speziell entwickelte App können die Schüler auch außerhalb der persönlichen Treffen in Kontakt bleiben und an ihren Projekten arbeiten. «Die Technologie ist Teil ihrer Lebenswelt, also nutzen wir sie, um Brücken zu bauen», erklärt Müller.
Auch Eltern werden einbezogen. Gemeinsame Feste und Elternabende sollen dafür sorgen, dass die Toleranzarbeit nicht an den Schultoren endet. «Wenn die Eltern sehen, wie bereichernd der Austausch für ihre Kinder ist, verändert das oft auch ihre eigene Perspektive», berichtet Schulleiter Thomas Weber vom Lessing-Gymnasium in Wedding.
Der Erfolg des Projekts soll wissenschaftlich begleitet werden. Die Freie Universität Berlin wird die Entwicklung der Teilnehmenden über das Schuljahr hinweg dokumentieren und auswerten. «Wir wollen wissen, was funktioniert, damit wir daraus lernen können», so Günther-Wünsch.
Für die beteiligten Jugendlichen steht aber nicht die Wissenschaft im Vordergrund. «Es macht einfach Spaß, neue Leute kennenzulernen», sagt Amir, 14, aus Kreuzberg. «Und manchmal merkt man, dass man über Dinge ganz unterschiedlich denkt. Das finde ich spannend.»
Am Ende des Schuljahres soll ein großes gemeinsames Festival stattfinden, bei dem die Ergebnisse der Zusammenarbeit präsentiert werden. Die Veranstalter hoffen, dass das Projekt dann fortgesetzt und ausgeweitet werden kann.
«Toleranz ist keine Selbstverständlichkeit», betont Günther-Wünsch zum Abschluss. «Sie muss immer wieder neu gelernt und gelebt werden. Genau das wollen wir mit diesem Projekt erreichen.»