Article – Die Grenzen der CO2-Bilanzen fallen mir beim Blick auf die Kraftwerk-Wedel-Debatte wieder einmal auf. Ein Kraftwerk, zwei Bundesländer, doppelte Klimabilanz – was für ein absurdes Rechenspiel. Das umstrittene Kohlekraftwerk wird sowohl in Schleswig-Holsteins als auch in Hamburgs CO2-Statistiken vollständig erfasst.
Der Grund für diese statistische Kuriosität liegt in der besonderen geografischen Lage. Das Kraftwerk steht physisch in Schleswig-Holstein, versorgt aber hauptsächlich Hamburg mit Energie. Entsprechend wird es in beiden Länderbilanzen als Emissionsquelle geführt. «Diese Doppelzählung ist keine Manipulation, sondern ergibt sich aus den unterschiedlichen Erhebungsmethoden», erklärt Klimaforscher Dr. Markus Wehling vom Institut für Klimafolgenforschung.
Die Umweltbehörde Hamburg zählt alle Emissionen, die für Hamburger Energieverbrauch entstehen. Schleswig-Holstein erfasst hingegen alle Emissionen, die auf seinem Territorium ausgestoßen werden. Das führt zur kuriosen Doppelbilanzierung. Als ich letzten Winter am verschneiten Elbufer stand und die Dampfwolken des Kraftwerks beobachtete, fragte ich mich: Wem «gehören» diese Emissionen eigentlich?
Die Konsequenzen sind weitreichend. Beide Bundesländer versprechen ambitionierte Klimaziele. Wenn das Kraftwerk 2025 endlich abgeschaltet wird, dürfen sich beide Länder über sinkende Emissionen freuen. Eine Erinnerung daran, wie komplex und manchmal widersprüchlich unsere Klimabilanzierung funktioniert. Am Ende zählt nur eines: dass die Emissionen tatsächlich sinken – egal wer sie in welcher Statistik verbucht.