Gestern noch Alltag, heute schon Nostalgie: In den vergangenen Jahren haben viele traditionsreiche Geschäfte in Dortmund ihre Türen für immer geschlossen. Was für viele einst selbstverständlich war – ein Bummel durch Lütgenau, der Kauf einer neuen Stereoanlage bei Conrad oder das Stöbern bei Krüger – ist heute nur noch Erinnerung.
Als Mitte der 2010er Jahre bekannt wurde, dass das Traditionskaufhaus Lütgenau nach über 100 Jahren schließen würde, war die Bestürzung groß. «Ich habe dort meine erste Schuluniform gekauft und später meinen Kindern ihre», erinnert sich Marianne Hölscher, die heute 72 Jahre alt ist. Das 1908 gegründete Familienunternehmen war nicht nur ein Kaufhaus, sondern eine Institution in der Dortmunder Innenstadt.
Besonders das Erdgeschoss mit seinen Parfümerien und Kosmetikabteilungen bleibt vielen im Gedächtnis. «Es hatte eine besondere Atmosphäre, die moderne Kaufhäuser nicht bieten können», sagt Klaus Becker, ehemaliger Mitarbeiter. Nach dem Tod des letzten Familieninhabers und aufgrund des wachsenden Online-Handels konnte das Traditionsgeschäft nicht mehr weitergeführt werden.
Nicht weit entfernt, an der Kampstraße, befand sich Elektro Krüger. Das Fachgeschäft für Haushaltsgeräte war für viele Dortmunder die erste Adresse für Waschmaschinen, Kühlschränke und Herde. «Bei Krüger kaufte man nicht nur ein Gerät, sondern bekam auch immer eine ausführliche Beratung», erinnert sich Thomas Weber, der dort seine erste eigene Waschmaschine erstand.
Die persönliche Beratung und der Service vor Ort konnten dem Preisdruck der großen Elektromarktketten und später dem Online-Handel nicht standhalten. Nach fast 70 Jahren schloss Elektro Krüger 2018 seine Pforten. Eine Entwicklung, die viele lokale Elektrofachhändler betraf.
Besonders schmerzlich war für technikbegeisterte Dortmunder das Aus der Conrad-Filiale im Jahr 2020. Das Elektronikfachgeschäft in der Kampstraße war ein Paradies für Bastler, Technikfans und alle, die spezielle Elektronikteile suchten. «Ich konnte stundenlang dort stöbern», schwärmt Elektroingenieur Peter Müller. «Von der kleinsten Schraube bis zum Bausatz war alles da.»
Conrad Electronic hatte sich seit den 1990er Jahren zu einer bekannten Marke in Dortmund entwickelt. Doch im Zuge der Umstrukturierung des Unternehmens hin zum Online-Handel wurden deutschlandweit Filialen geschlossen. «Es ist nicht dasselbe, online zu bestellen. Manchmal brauchte man etwas sofort oder wusste nicht genau, was man benötigt. Da war die Beratung vor Ort Gold wert», bedauert Müller.
Die Liste verschwundener Geschäfte ist lang. Viele erinnern sich noch an das Schuhhaus Klauser, das Spielzeuggeschäft Faix oder die Buchhandlung Cramers, die alle ihren festen Platz im Stadtbild hatten. Jedes dieser Geschäfte hatte seinen eigenen Charakter und eine treue Kundschaft.
«Was heute fehlt, ist diese Vielfalt der Fachgeschäfte», meint Stadthistoriker Dr. Michael Schulze. «Die Innenstädte werden immer einheitlicher mit denselben Filialisten in jeder Stadt.» Die Gründe für das Verschwinden der Traditionsgeschäfte sind vielfältig: verändertes Kaufverhalten, Online-Konkurrenz, steigende Mieten und oft auch fehlende Nachfolger für Familienunternehmen.
Die Stadt Dortmund versucht gegenzusteuern. Mit dem Projekt «Lokale Wirtschaft stärken» werden kleine Einzelhändler unterstützt. Zudem gibt es Initiativen, um leerstehende Geschäftsräume mit neuen Konzepten zu beleben. «Wir wollen eine lebendige Innenstadt erhalten, die mehr ist als nur ein Ort zum Einkaufen», betont Wirtschaftsförderer Martin Schmitz.
Trotz aller Veränderungen entstehen auch neue Geschäfte mit innovativen Ideen. Pop-up-Stores, Concept-Shops und kleine Spezialgeschäfte mit besonderen Sortimenten versuchen, Nischen zu besetzen. «Die Zukunft des stationären Handels liegt in der Spezialisierung und im Erlebniseinkauf», ist Schmitz überzeugt.
Die Erinnerungen an die verschwundenen Geschäfte bleiben jedoch lebendig. In sozialen Medien tauschen Dortmunder regelmäßig alte Fotos und Anekdoten aus. «Als ich neulich einen alten Kassenbon von Lütgenau fand, kamen die Erinnerungen sofort zurück», erzählt Marianne Hölscher. «Diese Geschäfte waren Teil unseres Alltags und unserer Stadtidentität.»
Für die jüngere Generation sind die Namen Lütgenau, Krüger oder Conrad oft nur noch Erzählungen ihrer Eltern. Sie wachsen mit anderen Einkaufserlebnissen auf. «Meine Tochter kann sich nicht vorstellen, in einem Plattenladen nach Musik zu stöbern oder in einer Videothek Filme auszuleihen», schmunzelt Thomas Weber. «Jede Generation hat ihre eigenen Erinnerungen an ihre Stadt.»
Die verschwundenen Geschäfte haben in Dortmund nicht nur wirtschaftliche, sondern auch emotionale Lücken hinterlassen. Sie waren Orte der Begegnung, an denen man Nachbarn traf, sich beraten ließ oder einfach nur in Ruhe stöbern konnte. Mit ihnen ist ein Stück Dortmunder Alltagskultur verschwunden, das in den Erinnerungen der Stadtbewohner weiterlebt.