In Berlin-Wannsee steht ein großes Umbauprojekt bevor, das viele nicht auf dem Radar haben. Der Forschungsreaktor BER II, der fast 30 Jahre lang für wissenschaftliche Zwecke genutzt wurde, wird nun zurückgebaut. Als langjährige Beobachterin der Berliner Infrastrukturprojekte verfolge ich diese Entwicklung mit besonderem Interesse.
Der Reaktor wurde Ende 2019 abgeschaltet und befindet sich seitdem in der Nachbetriebsphase. Diese geht nun in einen umfassenden Rückbau über, der voraussichtlich bis 2038 dauern wird. Für die Stadt Berlin bedeutet dies ein weiteres Großprojekt neben dem bekannteren Flughafen BER.
«Der Rückbau des Forschungsreaktors ist ein komplexes Unterfangen, das höchste Sicherheitsstandards erfordert», erklärt Dr. Anke Kaysser-Pyzalla, Vorsitzende des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB), das den Reaktor betrieben hat. «Wir haben einen detaillierten Zeitplan erstellt und arbeiten eng mit den Behörden zusammen.»
Der BER II wurde 1973 in Betrieb genommen und 1989 modernisiert. Als Neutronenquelle diente er Wissenschaftlern aus aller Welt für Materialforschung. Über 250 Forscherteams nutzten den Reaktor jährlich für ihre Experimente. Die Entscheidung zur Stilllegung fiel bereits 2013 aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen.
Die Demontage erfolgt in mehreren Phasen. Zunächst wurden die Brennelemente entfernt und in spezielle Behälter verpackt. Sie werden vorübergehend im Zwischenlager Nord in Mecklenburg-Vorpommern aufbewahrt. Das radioaktive Material macht jedoch nur einen kleinen Teil der gesamten Anlage aus.
«Die größte Herausforderung ist die schrittweise Zerlegung des Reaktors unter Berücksichtigung des Strahlenschutzes», sagt Projektleiter Stephan Welzel. «Wir müssen sicherstellen, dass keine radioaktiven Stoffe in die Umwelt gelangen.»
Die Sicherheit steht bei allen Arbeiten an erster Stelle. Zahlreiche Messgeräte überwachen kontinuierlich die Umgebung des Reaktors. Die zuständige Atomaufsicht, das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin, kontrolliert regelmäßig den Fortschritt der Arbeiten.
Für die Anwohner in Wannsee hat der Rückbau keine direkten Auswirkungen. «Die Demontagearbeiten sind von außen kaum wahrnehmbar», versichert HZB-Sprecher Dr. Ina Helms. «Die Sicherheit der Bevölkerung ist zu jedem Zeitpunkt gewährleistet.»
Besorgnisse der Anwohner nimmt das HZB ernst. Bei regelmäßigen Informationsveranstaltungen können Bürger Fragen stellen und Einblicke in den Rückbauprozess erhalten. Transparenz ist dem Zentrum wichtig, um Vertrauen zu schaffen.
Der Rückbau kostet nach aktuellen Schätzungen rund 300 Millionen Euro. Diese Summe wird vom Bund getragen, da das Helmholtz-Zentrum Berlin eine bundesfinanzierte Forschungseinrichtung ist. Etwa 50 Spezialisten sind an dem Projekt beteiligt.
Nach Abschluss der Arbeiten soll auf dem Gelände ein Forschungscampus entstehen. «Wir wollen den Standort für die Energie- und Materialforschung weiterentwickeln», erklärt Kaysser-Pyzalla. «Dort, wo einst der Reaktor stand, werden künftig neue Labore und Forschungseinrichtungen Platz finden.»
Der Rückbau des BER II steht exemplarisch für die Herausforderung, Nuklearanlagen sicher zurückzubauen. Deutschlandweit befinden sich mehrere Forschungsreaktoren in ähnlichen Phasen der Demontage, darunter in München und Karlsruhe.
Im Gegensatz zu kommerziellen Kernkraftwerken war der Berliner Forschungsreaktor deutlich kleiner und hatte eine geringere Leistung. Dennoch erfordert sein Rückbau spezifisches Know-how und strenge Sicherheitsmaßnahmen.
Die wissenschaftliche Arbeit, die früher am BER II stattfand, wird nun an anderen Einrichtungen fortgesetzt. Das HZB nutzt verstärkt Großgeräte wie den Elektronenspeicherring BESSY II in Berlin-Adlershof und kooperiert mit internationalen Neutronenquellen.
«Mit dem Ende des BER II verlieren wir eine wichtige Forschungsanlage, aber wir haben frühzeitig Alternativen entwickelt», betont Forschungsdirektor Prof. Jan Lüning. «Die wissenschaftliche Exzellenz des HZB bleibt erhalten.»
Für die Berliner Forschungslandschaft bedeutet der Rückbau eine Neuausrichtung. Der Fokus verlagert sich auf andere Technologien wie Synchrotronstrahlung und die Entwicklung neuartiger Energiematerialien.
Wie bei vielen Infrastrukturprojekten in Berlin bleibt abzuwarten, ob der Zeitplan eingehalten werden kann. Die bisherigen Arbeiten verlaufen nach Plan, doch die komplexesten Phasen stehen noch bevor.
Als Lokaljournalistin werde ich die Entwicklung weiterhin beobachten und regelmäßig darüber berichten. Der Rückbau des BER II mag weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhalten als andere Berliner Großprojekte, ist aber für die Zukunft des Wissenschaftsstandorts und die sichere Entsorgung nuklearer Anlagen von großer Bedeutung.