Der Sprung aus dem Schulzimmerfenster war Theos stiller Hilfeschrei. An jenem Mittwoch im Mathematikunterricht wurde es ihm einfach zu viel. Die Geschichte des 11-jährigen Jungen mit Autismus-Spektrum-Störung ist kein Einzelfall. Immer häufiger stoßen deutsche Schulen bei der Umsetzung von Inklusion an ihre Grenzen. Was als bildungspolitisches Ideal begann, entpuppt sich im Alltag oft als Überforderung für alle Beteiligten.
«Wir stehen zwischen allen Stühlen», erklärt Sabine Weber, Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. «Einerseits sollen wir individuell fördern, andererseits fehlen Personal, Räume und spezifische Ausbildung.» Der Schulalltag gleicht für viele Lehrer einem Spagat zwischen pädagogischem Anspruch und praktischer Machbarkeit. Während einige Bundesländer Inklusionsklassen mit Doppelbesetzung ausstatten, unterrichten anderswo Lehrkräfte allein 28 Kinder, darunter mehrere mit besonderen Bedürfnissen.
Vergangenen Herbst begleitete ich eine Grundschulklasse für einen Tag. Ein Junge mit ADHS benötigte ständige Aufmerksamkeit, während die Lehrerin gleichzeitig Lernstoff vermitteln sollte. In einer Pause gestand sie mir: «Manchmal fühle ich mich, als würde ich allen Kindern nicht gerecht werden.» Diese Zerrissenheit spüren auch die Schüler. Für Kinder mit und ohne Förderbedarf kann der gemeinsame Unterricht bereichernd sein – doch nur unter passenden Rahmenbedingungen.
Die Inklusion in deutschen Schulen bleibt ein zweischneidiges Schwert. Sie bietet Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe, scheitert aber oft an strukturellen Defiziten. Während wir über bildungspolitische Ideale debattieren, springen Kinder wie Theo aus Fenstern. Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Schulen besser ausstatten – nicht nur mit Worten, sondern mit echten Ressourcen.