Gestern Abend saß ich zwischen Zuschauern, die zwischen Begeisterung und Verblüffung schwankten. Die Gauthier Dance Juniors zeigten in Stuttgart ihre Version des «Radical Classical». Eine Tanzaufführung, die klassische Elemente radikal neu interpretiert und das Publikum mitnimmt auf eine unerwartete Reise.
Der Schweiß glänzte auf den Körpern der jungen Tänzer, während sie mühelos zwischen strengen Ballettformen und zeitgenössischer Freiheit wechselten. Besonders beeindruckend: Die Verschmelzung von Bach-Klängen mit elektronischen Beats. Die Choreografin Elisa Monte erklärt dazu: «Wir wollen nicht das Klassische zerstören, sondern es durch neue Augen sehen. Das Publikum soll die Tradition spüren und gleichzeitig ihre Gegenwärtigkeit erleben.»
Für mich war der Moment besonders bewegend, als eine Tänzerin mitten in einer perfekt ausgeführten klassischen Sequenz plötzlich innehielt – und dann in eine völlig unerwartete, fast alltägliche Bewegung überging. Der Saal hielt den Atem an. Ich erinnerte mich an mein erstes Ballett als Kind und wie fremd mir die strenge Form damals vorkam. Hier wurde sie plötzlich zugänglich, menschlich, berührbar.
Die jungen Talente der Gauthier-Truppe beweisen, dass kulturelles Erbe nicht verstauben muss. Sie hauchen ihm neues Leben ein. In Zeiten, wo Kunstformen oft in strengen Kategorien verharren, zeigt diese Produktion einen mutigen Weg. Die klassische Tanzwelt braucht solche radikalen Neuinterpretationen – nicht als Bruch, sondern als lebendige Fortsetzung einer großen Tradition.