Die traditionelle Neujahrsansprache des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, stand in diesem Jahr unter einem besonderen Stern. In seiner vermutlich letzten Neujahrsrede als Regierungschef richtete der 75-Jährige seinen Blick nicht auf die großen Krisen unserer Zeit, sondern auf die Menschen, die oft unbemerkt das gesellschaftliche Leben am Laufen halten.
«Auf wen können wir uns verlassen?», fragte Kretschmann vor rund 1.500 geladenen Gästen im Stuttgarter Opernhaus. Seine Antwort: Es sind die «stillen Schaffer», die tagtäglich ihre Pflicht tun, ohne dafür Applaus oder Anerkennung zu erwarten. «Wir sollten viel öfter den Blick auf die Millionen Bürgerinnen und Bürger richten, die Tag für Tag ihrer Arbeit nachgehen, ihre Kinder erziehen, sich ehrenamtlich engagieren oder ihre Angehörigen pflegen», betonte der Ministerpräsident.
Der grüne Politiker, der seit 2011 die Landesregierung führt und bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr antreten wird, verband seine Würdigung mit einer gesellschaftspolitischen Botschaft: «Diese Menschen sind der eigentliche Kitt unserer Gesellschaft. Sie verdienen nicht nur unseren Dank, sondern auch unseren Respekt.»
Besonders hob Kretschmann die Bedeutung des Ehrenamts hervor. «In Baden-Württemberg engagieren sich über 3,8 Millionen Menschen freiwillig – sei es in Vereinen, bei der Feuerwehr, in sozialen Einrichtungen oder in der Nachbarschaftshilfe. Ohne dieses Engagement wäre unser Zusammenleben viel ärmer», erklärte er mit Nachdruck.
Die Veranstaltung im prachtvollen Opernhaus bot nicht nur Raum für besinnliche Worte. Mehrere dieser «stillen Helden» wurden persönlich auf die Bühne gebeten und für ihr Engagement gewürdigt. Darunter eine Altenpflegerin aus Stuttgart-Vaihingen, ein ehrenamtlicher Feuerwehrmann aus Esslingen und eine Familie, die seit drei Jahren Geflüchtete bei der Integration unterstützt.
Oberbürgermeister Frank Nopper ergänzte Kretschmanns Ausführungen mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt: «Stuttgart ist eine Stadt, die von der Vielfalt und dem Miteinander lebt. Gerade in herausfordernden Zeiten müssen wir zusammenstehen und aufeinander achten.»
Kretschmann blickte in seiner Rede auch auf die vergangenen Jahre seiner Amtszeit zurück, ohne jedoch in Wehmut zu verfallen. «Es waren bewegte Zeiten mit Höhen und Tiefen. Was mich immer wieder beeindruckt hat, ist die Widerstandsfähigkeit und der Zusammenhalt der Menschen in unserem Land», resümierte er.
Die musikalische Umrahmung der Veranstaltung übernahm das Staatsorchester Stuttgart mit Werken von Mozart und Beethoven – passend zur Würde des Anlasses, aber auch zur nachdenklichen Grundstimmung der Rede.
Im Publikum zeigten sich viele Gäste bewegt von Kretschmanns Worten. «Es tut gut, in diesen turbulenten Zeiten an die Menschen erinnert zu werden, die ohne viel Aufhebens ihren Beitrag leisten», sagte eine Besucherin nach der Veranstaltung. Ein anderer Gast ergänzte: «Seine Rede hat uns daran erinnert, dass es nicht immer die lauten Stimmen sind, die zählen.»
Der Ministerpräsident schloss seine Rede mit einem persönlichen Ausblick: «Ich werde mich auch nach meiner Amtszeit für ein Baden-Württemberg einsetzen, das zusammenhält und in dem wir füreinander da sind. Denn darauf kommt es an – heute mehr denn je.»
Mit stehendem Applaus dankten die Gäste Kretschmann nicht nur für seine Worte an diesem Abend, sondern auch für seine langjährige politische Arbeit. Die Neujahrsansprache 2024 wird vielen als würdiger Schlussakkord einer bemerkenswerten politischen Karriere in Erinnerung bleiben.