Am Stachus, nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, steht eines der bekanntesten Gebäude Münchens: der Mathäser. Heute kennen die meisten Münchner das Gebäude als modernes Kino- und Unterhaltungszentrum. Doch die Geschichte dieses Ortes reicht weit zurück und spiegelt die Entwicklung der Stadt über Jahrhunderte wider.
Die Wurzeln des Mathäser reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Damals gründete der Bierbrauer Matthias Pschorr eine kleine Gastwirtschaft mit angeschlossener Brauerei an dieser Stelle. Sein Spitzname «Mathäser» ging später auf das gesamte Gebäude über. Was als bescheidene Schankstube begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer der größten und beliebtesten Bierhallen Münchens.
Die wahre Blütezeit des Mathäser begann im 19. Jahrhundert. Nach mehreren Umbauten und Erweiterungen entstand eine imposante Bierhalle, die Platz für bis zu 4.000 Gäste bot. Der Mathäser wurde zum Symbol Münchner Bierkultur und zu einem Treffpunkt für Menschen aller Gesellschaftsschichten. Hier saßen Handwerker neben Künstlern, Studenten neben Politikern – alle vereint durch die Liebe zum Münchner Bier.
Besonders bekannt wurde der «Schwemme» genannte große Biersaal im Erdgeschoss. Mit seinen langen Holztischen und der rustikalen Atmosphäre verkörperte er das bayerische Lebensgefühl. In den oberen Stockwerken befanden sich elegantere Räume, in denen größere Veranstaltungen stattfanden. Der Mathäser war nicht nur Gasthaus, sondern auch kulturelles Zentrum mit Theater- und Musikaufführungen.
Der Zweite Weltkrieg brachte einen tiefen Einschnitt. Bei Bombenangriffen im Jahr 1944 wurde der Mathäser schwer beschädigt. Wie viele Gebäude in München lag auch dieses traditionelle Wahrzeichen in Trümmern. Doch die Münchner wollten ihre Biertradition nicht aufgeben. Bereits 1957 eröffnete ein Neubau an gleicher Stelle, der den Namen und den Geist des alten Mathäser weitertragen sollte.
Die neue Mathäser-Bierstadt wurde schnell wieder zu einem beliebten Treffpunkt. Mit mehreren Sälen auf verschiedenen Ebenen bot sie Platz für über 3.000 Gäste. Zu den Stammgästen gehörten Prominente wie Thomas Gottschalk und Udo Jürgens. In den 1980er Jahren konnten Besucher hier jährlich rund eine Million Liter Bier genießen.
Doch die Zeiten änderten sich. Die traditionelle Bierhallenkultur verlor an Bedeutung, während die Unterhaltskosten für den riesigen Komplex stiegen. 1996 musste die Mathäser-Bierstadt schließen – ein schmerzlicher Verlust für viele Münchner, die mit dem Ort persönliche Erinnerungen verbanden.
Nach jahrelangem Leerstand und intensiven Diskussionen über die Zukunft des Standorts entstand ein völlig neues Konzept. Im Jahr 2003 eröffnete der heutige Mathäser-Komplex mit dem Multiplex-Kino als Herzstück. Mit 14 Sälen und modernster Technik gehört das «Mathäser Filmpalast» zu den größten und erfolgreichsten Kinos Deutschlands. Daneben finden sich Restaurants, Bars und Geschäfte.
Die Umgestaltung hat viele Kontroversen ausgelöst. Während manche den Verlust der traditionellen Bierhalle bedauern, sehen andere den Wandel als notwendige Anpassung an veränderte Freizeitgewohnheiten. Trotz aller Veränderungen bleibt der Name Mathäser bis heute ein wichtiger Teil der Münchner Identität.
Vom historischen Gebäude ist heute äußerlich kaum noch etwas zu erkennen. Die moderne Fassade unterscheidet sich deutlich von den historischen Vorgängerbauten. Im Inneren erinnern jedoch einige Elemente an die Geschichte des Ortes. Alte Fotografien und Informationstafeln halten die Erinnerung an die Bierhallentradition lebendig.
Die Geschichte des Mathäser ist ein Spiegelbild der Stadtentwicklung Münchens – vom beschaulichen Gasthof über die prachtvolle Bierhalle bis zum modernen Unterhaltungskomplex. In jeder Epoche hat der Mathäser Menschen zusammengebracht und bleibt damit ein wichtiger sozialer Anker im Herzen der Stadt.
Besonders interessant ist, wie der Mathäser die Veränderungen der Trinkgewohnheiten widerspiegelt. War früher das gemeinsame Biertrinken an langen Tischen kulturelles Ritual, stehen heute individuellere Freizeitangebote im Vordergrund. Dennoch bleibt der Mathäser ein Ort der Begegnung – wenn auch in anderer Form als früher.
Für viele ältere Münchner ist der Name Mathäser untrennbar mit persönlichen Erinnerungen verbunden: dem ersten Date in der Bierstadt, rauschenden Faschingsfeiern oder einfach gemütlichen Abenden mit Freunden. Diese emotionale Verbindung erklärt, warum die Transformation des Gebäudes so leidenschaftlich diskutiert wurde.
Der Mathäser steht exemplarisch für den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne, den München als Stadt ständig vollführen muss. Wie viel Veränderung ist nötig, wie viel Bewahrung möglich? Diese Frage stellt sich an vielen historischen Orten der Stadt und wird auch in Zukunft Diskussionen anregen.
Obwohl der Mathäser heute vor allem als Kino bekannt ist, bleibt er ein wichtiges Stück Münchner Geschichte. Wer durch die Türen des modernen Komplexes tritt, betritt einen Ort, an dem Generationen von Münchnern gegessen, getrunken, gelacht und gefeiert haben – ein lebendiges Zeugnis der Stadtgeschichte im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt.