Nach mehr als sechs Jahrzehnten schließt eines der traditionsreichsten Taxiunternehmen in Essen seine Türen. Für viele Essener ist dies das Ende einer Ära. Die Familie Peltzer hat seit 1961 Menschen sicher durch die Ruhrmetropole befördert. Nun ist Schluss – und das hat Gründe, die symptomatisch für die gesamte Branche sind.
Klaus Peltzer blickt wehmütig auf die vergangenen 63 Jahre zurück. «Es war eine gute Zeit», sagt der 79-jährige Unternehmer. «Aber irgendwann muss man Schluss machen.» Besonders in den letzten Jahren sei das Geschäft immer schwieriger geworden. Die Corona-Pandemie habe dem Unternehmen zugesetzt, aber auch die wachsende Konkurrenz durch Fahrdienstvermittler wie Uber mache den traditionellen Taxiunternehmen zu schaffen.
«Uber hat sicher damit zu tun», erklärt Peltzer. «Die haben ganz andere Möglichkeiten als wir.» Während klassische Taxiunternehmer hohe Kosten für Konzessionen, Versicherungen und Personal tragen müssen, arbeiten Fahrdienstvermittler mit einem anderen Geschäftsmodell. Sie stellen keine Fahrer an, sondern vermitteln Fahrten an selbstständige Fahrer, die oft mit ihren privaten Fahrzeugen unterwegs sind.
Laut dem Bundesverband Taxi und Mietwagen ist die Zahl der Taxis in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Allein in Essen ging die Anzahl der Konzessionen von einst über 500 auf aktuell etwa 365 zurück. «Der Markt verändert sich dramatisch», bestätigt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. «Die Digitalisierung hat die Mobilitätsbranche revolutioniert.»
Für Familie Peltzer kam zur schwierigen Marktsituation noch ein persönlicher Aspekt hinzu: Es gibt keinen Nachfolger im Familienunternehmen. Die beiden Töchter haben andere berufliche Wege eingeschlagen. «Das ist natürlich schade», sagt Klaus Peltzer. «Aber man kann niemanden zu diesem Beruf zwingen. Es ist kein einfaches Geschäft mehr.»
Was viele nicht wissen: Der Beruf des Taxifahrers erfordert mehr als nur einen Führerschein. In Deutschland müssen Taxifahrer eine Ortskundeprüfung ablegen und den Personenbeförderungsschein erwerben. Zudem gelten strenge Vorschriften für die Fahrzeuge, die regelmäßig zum TÜV müssen. «Wir stehen unter ständiger Kontrolle», erklärt Peltzer. «Das ist auch richtig so, aber die Kosten dafür müssen wir tragen.»
Bei Fahrdienstvermittlern wie Uber sind die Anforderungen mittlerweile ähnlich, nachdem das Personenbeförderungsgesetz angepasst wurde. Dennoch bleiben Unterschiede in der Preisgestaltung. Während für Taxis feste Tarife gelten, können die neuen Anbieter flexibler auf Angebot und Nachfrage reagieren.
Die Essener Taxizentrale, die die Fahrten an die einzelnen Unternehmen vermittelt, spürt den Wandel ebenfalls. «Früher hatten wir manchmal Wartezeiten für Kunden, weil alle Taxis unterwegs waren», erinnert sich ein Mitarbeiter. «Heute kommt es vor, dass Fahrer warten müssen, weil keine Aufträge reinkommen.»
Für die verbliebenen Taxiunternehmen in Essen wird es nun darum gehen, sich anzupassen. Einige setzen auf Digitalisierung, haben eigene Apps entwickelt oder kooperieren mit lokalen Plattformen. Andere konzentrieren sich auf Nischen wie Krankenfahrten oder den Transport älterer Menschen, die mit Smartphone-Apps oft weniger vertraut sind.
Helmut Preuß vom Essener Taxiverband sieht trotz aller Herausforderungen eine Zukunft für die Branche: «Taxis werden weiterhin gebraucht. Nicht jeder hat ein Smartphone oder möchte sich auf variable Preise einlassen. Wir bieten Verlässlichkeit und einen persönlichen Service.»
Für Klaus Peltzer ist das ein schwacher Trost. Nach 63 Jahren hängt er den Taxischlüssel an den Nagel. Seine letzten drei Fahrzeuge hat er verkauft, die Fahrer konnten bei anderen Unternehmen unterkommen. Am letzten Tag gab es ein kleines Abschiedsfest mit langjährigen Kunden und Wegbegleitern.
«Wissen Sie», sagt Peltzer zum Abschied, «ich habe in all den Jahren viele Menschen kennengelernt und Geschichten gehört. Vom Großvater, der zur Geburt seines Enkels ins Krankenhaus fuhr, bis zur Dame, die ich jede Woche zum Friedhof gefahren habe. Das waren nicht einfach nur Fahrten – das waren Begegnungen.»
Mit dem Ende von Peltzers Taxiunternehmen geht ein Stück Essener Stadtgeschichte zu Ende. Und es steht sinnbildlich für einen Wandel, der weit über die Grenzen der Ruhrmetropole hinaus zu beobachten ist: Die Digitalisierung verändert auch traditionelle Branchen grundlegend – manchmal schneller, als diese sich anpassen können.