Brandenburg bei Gehältern von Tarif-Azubis Ost-Schlusslicht
In Brandenburg verdienen Auszubildende mit Tarifvertrag so wenig wie in keinem anderen ostdeutschen Bundesland. Mit durchschnittlich 1.036 Euro monatlich liegen die Brandenburger Azubis deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 1.112 Euro. Dies geht aus einer aktuellen Auswertung des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hervor.
Der Abstand zu anderen ostdeutschen Bundesländern ist beträchtlich. In Sachsen erhalten Auszubildende mit Tarifbindung durchschnittlich 1.061 Euro, in Thüringen 1.071 Euro und in Sachsen-Anhalt 1.073 Euro. Mecklenburg-Vorpommern führt die Liste im Osten mit 1.076 Euro an.
Besonders auffällig ist der große Unterschied zu den westdeutschen Bundesländern. In Hamburg bekommen Azubis beispielsweise im Schnitt 1.192 Euro – fast 160 Euro mehr als ihre Brandenburger Kollegen. Selbst zum ostdeutschen Spitzenreiter Mecklenburg-Vorpommern beträgt der Abstand immerhin 40 Euro monatlich.
«Diese Zahlen sind alarmierend und zeigen deutlich, dass Brandenburg beim Thema faire Ausbildungsvergütung dringend aufholen muss», erklärt Brandenburgs DGB-Vorsitzender Ralf Meyer. «Wir verlieren junge Fachkräfte an andere Bundesländer, wenn wir nicht bald handeln.»
Experten sehen mehrere Gründe für die niedrigen Ausbildungsvergütungen in Brandenburg. Die geringere Tarifbindung der Unternehmen spielt dabei eine wesentliche Rolle. Während in Westdeutschland etwa 60 Prozent der Beschäftigten unter einen Tarifvertrag fallen, sind es in Brandenburg nur rund 45 Prozent.
«Viele Betriebe in Brandenburg sind kleine und mittlere Unternehmen, die nicht tarifgebunden sind», erläutert Professor Klaus Dörre von der Universität Jena. «Diese zahlen oft nur die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung, die 2024 bei 649 Euro im ersten Lehrjahr liegt.»
Die Brandenburger Wirtschaftsministerin Daniela Trochowski zeigt sich besorgt: «Die niedrigen Ausbildungsvergütungen sind ein ernstes Problem für unser Bundesland. Wir müssen die Tarifbindung stärken und gleichzeitig den Fachkräftemangel bekämpfen.»
Besonders betroffen sind Auszubildende im Handwerk und in personenbezogenen Dienstleistungsberufen. Ein angehender Friseur in Brandenburg verdient im ersten Ausbildungsjahr durchschnittlich nur 680 Euro brutto, während es in Hamburg bereits 830 Euro sind.
Die Gewerkschaften fordern nun konkrete Maßnahmen. «Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie und mehr Unterstützung für Betriebe, die tarifgebunden ausbilden», betont Meyer. «Außerdem sollte das Land bei öffentlichen Aufträgen die Tarifbindung zur Voraussetzung machen.»
Auch der demografische Wandel verschärft die Problematik. Immer weniger junge Menschen beginnen eine Ausbildung, während gleichzeitig viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Brandenburger Betriebe stehen daher in direkter Konkurrenz zu Berliner Unternehmen, die oft höhere Vergütungen zahlen können.
Die Landesregierung hat bereits ein Programm zur Stärkung der dualen Ausbildung auf den Weg gebracht. Mit 15 Millionen Euro sollen Ausbildungsverbünde gefördert und die Attraktivität der beruflichen Bildung gesteigert werden.
Trotz aller Herausforderungen gibt es auch positive Signale: In einigen Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie sowie im öffentlichen Dienst sind die Ausbildungsvergütungen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dort erhalten Auszubildende im ersten Jahr bereits über 1.100 Euro.
Für junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen, bleibt die Situation dennoch schwierig. «Ich würde gerne in meiner Heimat bleiben, aber wenn ich in Berlin 150 Euro mehr verdienen kann, muss ich mir das gut überlegen», sagt der 17-jährige Max aus Potsdam, der sich derzeit um einen Ausbildungsplatz bewirbt.
Experten sind sich einig: Brandenburg muss handeln, um im Wettbewerb um junge Fachkräfte nicht weiter zurückzufallen. Höhere Ausbildungsvergütungen sind dabei ein wichtiger Baustein – neben anderen Faktoren wie Ausbildungsqualität, Übernahmeperspektiven und attraktiven Arbeitsbedingungen.