Der Kölner Autobahnring bleibt auch 2024 Deutschlands Stau-Hauptstadt. Aktuelle Zahlen des ADAC belegen: Nirgendwo sonst im Land stehen Autofahrer so lange im Stau wie in Nordrhein-Westfalen – und besonders auf dem Kölner Ring. Die Verkehrssituation hat sich nach der Pandemie wieder deutlich verschärft.
Allein im ersten Halbjahr 2024 registrierte der ADAC auf den Autobahnen in NRW mehr als 37.500 Staus mit einer Gesamtlänge von über 67.000 Kilometern. Das entspricht etwa 1,7-mal dem Erdumfang. Autofahrer verloren dabei insgesamt rund 31.700 Stunden oder umgerechnet fast dreieinhalb Jahre im Stau.
«Die Situation auf dem Kölner Ring hat sich wieder auf Vor-Corona-Niveau eingependelt», erklärt Roman Suthold, Verkehrsexperte beim ADAC Nordrhein. «Besonders die Hauptverkehrszeiten morgens zwischen 7 und 9 Uhr sowie nachmittags zwischen 16 und 18 Uhr sind kritisch.«
Der Kölner Ring, bestehend aus den Autobahnen A1, A3 und A4, bildet den neuralgischen Punkt im westdeutschen Verkehrsnetz. Hier treffen sich wichtige Transitrouten in alle Himmelsrichtungen. Täglich nutzen rund 250.000 Fahrzeuge diese Strecken – viele davon sind Pendler aus dem Umland.
Die fünf schlimmsten Stau-Abschnitte in NRW
- A3 zwischen Leverkusen und Köln-Ost
- A1 zwischen Köln-West und Leverkusener Brücke
- A40 im Ruhrgebiet zwischen Duisburg und Essen
- A57 zwischen Köln-Chorweiler und Kreuz Köln-Nord
- A46 im Bereich Düsseldorf und Wuppertal
Besondere Belastungen ergeben sich durch die zahlreichen Baustellen in der Region. Die Sanierung der Leverkusener Brücke ist das prominenteste Beispiel. «Wir haben derzeit über 60 Großbaustellen allein auf den Autobahnen in NRW«, bestätigt Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin der Autobahn GmbH Niederlassung Rheinland. «Die Infrastruktur ist in die Jahre gekommen und muss dringend erneuert werden.»
Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden durch Staus im Kölner Raum auf jährlich rund 570 Millionen Euro. Besonders betroffen: Logistikunternehmen, Handwerksbetriebe und Pendler.
«Jede Minute im Stau kostet Geld – für Unternehmen und letztlich auch für Verbraucher», erläutert Wirtschaftsexperte Klaus Baumann von der IHK Köln. «Waren kommen später an, Mitarbeiter verlieren wertvolle Arbeitszeit, und der Kraftstoffverbrauch steigt unnötig.»
Die Stadt Köln und umliegende Kommunen arbeiten an Lösungsansätzen. Ein Schlüssel liegt im Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Das Projekt «Rhein-Ruhr-Express» soll ab 2025 für Entlastung sorgen, indem mehr Pendler auf die Schiene umsteigen können. Zudem hat die Stadt Köln ihr Radwegenetz in den letzten Jahren um über 50 Kilometer erweitert.
«Wir brauchen einen Mix aus verschiedenen Maßnahmen», betont Kölns Verkehrsdezernentin Andrea Blome. «Das reicht von intelligenten Ampelschaltungen über attraktivere Angebote im ÖPNV bis hin zu mehr Homeoffice-Möglichkeiten für Berufstätige.»
Ein neuer Ansatz ist das verstärkte Baustellenmanagement. «Wir koordinieren Bauprojekte jetzt besser und versuchen, die Arbeiten in verkehrsärmere Zeiten zu verlegen«, erklärt Peter Schneider von der Autobahn GmbH. «Außerdem setzen wir auf schnellere Bauverfahren und mehr Nachtarbeit, um die Einschränkungen zu minimieren.»
Für Pendler wie Martin Schulte aus Bergisch Gladbach ist das ein schwacher Trost: «Ich stehe jeden Morgen mindestens 45 Minuten im Stau. Das sind fast vier Stunden pro Woche, die ich verliere.» Er hat inzwischen Strategien entwickelt: «Ich fahre entweder sehr früh los oder nutze Nebenstraßen, obwohl die inzwischen auch verstopft sind.»
Verkehrsexperten raten zu flexiblen Arbeitszeiten, wenn möglich. «Wer erst nach 9 Uhr ins Büro muss, umgeht die schlimmste Stauzeit», empfiehlt ADAC-Experte Suthold. «Und mit Navigationssystemen, die Echtzeitdaten nutzen, lassen sich zumindest einige Staus umfahren.»
Trotz aller Bemühungen wird der Kölner Ring wohl auch in den kommenden Jahren Deutschlands Stau-Hotspot Nummer eins bleiben. Die wachsende Bevölkerung in der Rhein-Ruhr-Region, zunehmender Güterverkehr und der langsame Ausbau alternativer Verkehrswege lassen wenig Hoffnung auf schnelle Besserung.
«Wir müssen ehrlich sein», sagt Verkehrsplanerin Dr. Sabine Weber von der TH Köln. «Der Kölner Ring wird ein Nadelöhr bleiben. Wir können die Situation verbessern, aber nicht komplett lösen. Die Infrastruktur wurde schlicht nicht für das heutige Verkehrsaufkommen konzipiert.»
Für die betroffenen Autofahrer bleibt vorerst nur: Geduld haben, alternative Routen planen oder, wenn möglich, auf Bus, Bahn oder Fahrrad umsteigen. Der Stau gehört zum Kölner Ring wie der Dom zur Stadt.