Der große norwegische Expressionist Edvard Munch und die deutsche Pionierin der Moderne Paula Modersohn-Becker in einer Ausstellung vereint – diese besondere Begegnung können Kunstinteressierte jetzt in Dresden erleben. Die Albertinum-Schau inszeniert einen faszinierenden Dialog zwischen zwei Künstlern, die sich nie persönlich begegneten, aber in ihren Werken bemerkenswerte Parallelen aufweisen.
«Wir bringen hier zwei Künstlerpersönlichkeiten zusammen, die beide auf ihre Weise revolutionär waren und die Kunst ihrer Zeit grundlegend verändert haben», erklärt Kuratorin Katharina Schmidt. Obwohl Modersohn-Becker und Munch in unterschiedlichen Kunstkreisen wirkten, verbindet sie ihre intensive Auseinandersetzung mit existenziellen Themen wie Leben, Tod und menschlicher Verletzlichkeit.
Munch, bekannt für sein ikonisches Werk «Der Schrei«, und Modersohn-Becker, die als erste europäische Malerin Selbstakte schuf, teilen eine ausdrucksstarke Bildsprache. Die Ausstellung präsentiert rund 130 Werke – Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken – die ihre künstlerischen Überschneidungen, aber auch ihre individuellen Ansätze beleuchten.
Besonders beeindruckend ist die Gegenüberstellung ihrer Porträts. Beide Künstler zeigen Menschen nicht idealisiert, sondern in all ihrer Verletzlichkeit und emotionalen Tiefe. «Sie drangen unter die Oberfläche und erfassten das Wesentliche der menschlichen Existenz», so Schmidt. Die ausgestellten Selbstporträts beider Künstler zeugen von einer tiefen Selbstreflexion und einem modernen Identitätsverständnis.
Die Ausstellung enthüllt überraschende thematische Parallelen: Beide befassten sich intensiv mit der Darstellung von Mutter und Kind, mit der Natur als Spiegel menschlicher Emotionen und mit der Vergänglichkeit des Lebens. Modersohn-Beckers berühmte Mutter-Kind-Bilder finden in Munchs Darstellungen zum selben Thema spannende Entsprechungen.
«Dresden ist der ideale Ort für diese Begegnung«, erläutert Museumsdirektor Hilmar Schumann. «Beide Künstler waren mit der expressionistischen Künstlergruppe ‹Brücke› verbunden, die hier in Dresden ihren Anfang nahm.» Munch war ein wichtiges Vorbild für die Brücke-Künstler, während Modersohn-Beckers Werk posthum von ihnen entdeckt und geschätzt wurde.
Für Besucher bietet die Ausstellung neben den Kunstwerken auch Einblicke in die Biografien beider Künstler. Briefe, Fotografien und persönliche Dokumente vermitteln ein lebendiges Bild ihrer Zeit und künstlerischen Entwicklung. Modersohn-Becker, die mit nur 31 Jahren starb, hinterließ trotz ihrer kurzen Schaffenszeit ein beeindruckendes Werk, während Munch bis ins hohe Alter produktiv blieb.
Die Schau wurde in Zusammenarbeit mit dem Munch-Museum Oslo und dem Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen realisiert. «Wir konnten einige Werke zusammenbringen, die selten oder noch nie zusammen gezeigt wurden», freut sich Schmidt. Besonders wertvoll sind die Leihgaben aus Privatsammlungen, die nur selten öffentlich zu sehen sind.
Kunstexperte Thomas Wagner lobt die Ausstellung: «Diese Gegenüberstellung öffnet neue Perspektiven auf beide Künstler. Man entdeckt in Modersohn-Beckers Werk eine expressionistische Kraft, die Munchs Intensität ebenbürtig ist, und in Munchs Bildern eine sensible Beobachtungsgabe, die an Modersohn-Becker erinnert.»
Für Dresden bedeutet die Ausstellung ein kulturelles Highlight. Die Schau zieht bereits internationale Aufmerksamkeit auf sich und verspricht, Kunstfreunde aus dem In- und Ausland anzulocken. Museumsdirektor Schumann: «Wir erleben ein reges Interesse und erwarten zahlreiche Besucher, die diese einmalige Gelegenheit nutzen möchten.»
Die Ausstellung wird durch ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt. Führungen, Workshops und Vorträge vertiefen einzelne Aspekte. Für Kinder und Familien gibt es spezielle Angebote, die auch jungen Besuchern einen Zugang zu den expressiven Bildwelten ermöglichen sollen.
«Modersohn-Becker und Munch im Dialog» ist noch bis zum 15. Januar im Albertinum zu sehen. Ein umfangreicher Katalog dokumentiert die Ausstellung und bietet vertiefende Essays renommierter Kunsthistoriker. Für alle, die sich für die Kunst der Moderne interessieren, ist diese außergewöhnliche Begegnung zweier Pioniere ein Muss.