Während das Winterwetter Berlin fest im Griff hatte, entbrannte ein hitziger Streit um das Streusalz. Der Naturschutzbund (NABU) sieht sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt, nachdem mehrere Politiker die strengen Einschränkungen beim Streusalzeinsatz kritisierten. Die Umweltschützer verteidigen ihre Position und betonen die langfristigen Schäden für Straßenbäume, Gewässer und Haustiere.
Auslöser war die gefährliche Glätte auf Berlins Straßen und Gehwegen in der vergangenen Woche. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt verwandelten sich viele Wege in Rutschbahnen. Die Rettungsstellen verzeichneten einen deutlichen Anstieg von Sturzverletzungen. Allein die Charité meldete über 50 Prozent mehr Notfallpatienten mit Knochenbrüchen als an normalen Wintertagen.
«Der Naturschutz darf nicht über die Sicherheit der Menschen gestellt werden», kritisierte CDU-Politiker Frank Henkel. Ähnliche Stimmen kamen aus mehreren Bezirksämtern. Sie argumentieren, dass das Streusalzverbot zu gefährlichen Situationen führe und die Verkehrssicherheit gefährde.
Der NABU weist diese Vorwürfe entschieden zurück. «Es geht hier nicht um ein komplettes Verbot, sondern um einen verantwortungsvollen Einsatz», erklärt Katja Schmidt, Sprecherin des NABU Berlin. «Streusalz schädigt nachweislich unsere Stadtbäume, die ohnehin schon unter Klimastress leiden.» Die Umweltschützer verweisen auf Studien, die zeigen, dass das Salz den Boden verdichtet, das Grundwasser belastet und die Wurzeln der Bäume angreift.
Das Berliner Straßengesetz erlaubt den Einsatz von Streusalz nur in Ausnahmefällen – bei Blitzeis, auf Treppen oder an Gefällstrecken. Für normale Gehwege empfiehlt die Stadt abstumpfende Mittel wie Split oder Sand. Die Bezirke können bei extremen Wetterlagen Ausnahmegenehmigungen erteilen.
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) balanciert zwischen Sicherheitsanforderungen und Umweltschutz. «Wir setzen auf ein abgestuftes Konzept», erläutert BSR-Sprecher Thomas Klöckner. «Auf Hauptverkehrsstraßen und gefährlichen Stellen nutzen wir eine Feuchtsalzmischung, die geringere Umweltauswirkungen hat als reines Streusalz.»
Umweltexperten weisen auch auf die Folgen für Haustiere hin. «Hunde leiden besonders unter dem Streusalz», sagt Tierärztin Marion Weber. «Es verursacht schmerzhafte Entzündungen an den Pfoten und kann zu Vergiftungen führen, wenn die Tiere das Salz ablecken.»
In anderen deutschen Städten wie München oder Hamburg gelten ähnliche Einschränkungen. Dort werden vermehrt umweltfreundlichere Alternativen wie Kaliumformiat eingesetzt, das biologisch abbaubar ist, aber deutlich teurer als herkömmliches Streusalz.
Die Diskussion zeigt das Spannungsfeld zwischen kurzfristiger Sicherheit und langfristigem Umweltschutz. Der NABU plädiert für einen Mittelweg: «Wir müssen die Sicherheit der Menschen gewährleisten, ohne unsere Umwelt nachhaltig zu schädigen», betont Schmidt. «Mit besserer Planung, rechtzeitiger Räumung und gezieltem Einsatz alternativer Streumittel ist beides möglich.»
Die Debatte wird voraussichtlich im Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses weitergeführt. Verkehrssenatorin Ute Bonde kündigte an, die Leitlinien für den Winterdienst zu überprüfen, ohne den grundsätzlichen Umweltschutzgedanken aufzugeben.
Für Anwohner bleibt die Pflicht, ihre Gehwege zu räumen und bei Glätte zu streuen. Sie sollten dabei auf umweltfreundliche Alternativen wie Sand, Granulat oder spezielle salzfreie Streumittel zurückgreifen. Bei extremer Glätte darf in Ausnahmefällen auch Salz verwendet werden – sparsam und gezielt eingesetzt.