In den Sälen der Düsseldorfer Karnevalsgesellschaften bahnt sich eine bemerkenswerte Entwicklung an. Während die traditionelle Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf in vielen Bereichen weiterhin besteht, verschwimmen beim Karnevalsrepertoire zunehmend die Grenzen. Immer mehr Düsseldorfer Jecken feiern ausgelassen zu kölschen Liedern – ein Phänomen, das sich zur Karnevalssession 2026 noch verstärken dürfte.
«Es ist nicht mehr zu überhören», erklärt Matthias Engling, Präsident der Karnevalsgesellschaft «Lustige Narren» in Düsseldorf. «Wenn bei uns ‹Du bes die Stadt› oder ‹Mer losse d’r Dom en Kölle› läuft, singt der ganze Saal mit. Die Melodien sind eingängig und die Stimmung steigt sofort.» Diese Beobachtung teilen viele Veranstalter in der Landeshauptstadt.
Die Musikauswahl in den Karnevalshochburgen spiegelt einen kulturellen Wandel wider. Während vor zwanzig Jahren die Musikprogramme noch streng nach Heimatstädten getrennt waren, verschwimmen heute die Grenzen. Eine Umfrage des Karnevalskomitees zeigt: Bei Düsseldorfer Sitzungen machen kölsche Lieder inzwischen etwa 30 Prozent des Programms aus.
Der Musikwissenschaftler Dr. Thomas Behrendt von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat dieses Phänomen untersucht: «Kölsche Karnevalslieder werden professionell produziert und gezielt vermarktet. Bands wie die Höhner, Kasalla oder Cat Ballou schaffen es, über die Stadtgrenzen hinaus ein breites Publikum anzusprechen.»
Dennoch bleibt die Identifikation mit der eigenen Stadt stark. «Natürlich stehen Alt oder Fortuna bei uns weiter hoch im Kurs», betont Sarah Willms, die als DJ auf Düsseldorfer Karnevalspartys auflegt. «Aber wenn es darum geht, Stimmung zu erzeugen, greife ich auch gerne zu kölschen Klassikern. Die Melodien funktionieren einfach.»
Besonders die jüngere Generation zeigt sich offen für die musikalische Vielfalt. «Für uns ist es völlig normal, zu Musik aus beiden Städten zu feiern», sagt Studentin Lena Bausch (23). «Es geht um gute Stimmung, nicht um Lokalpatriotismus.»
Für die Karnevalssession 2026 planen die Veranstalter in Düsseldorf ein ausgeglichenes Programm. «Wir werden unsere Düsseldorfer Identität bewahren, aber uns auch für gute Musik aus der Nachbarstadt öffnen», erklärt Wolfgang Schäfer vom Festkomitee Düsseldorfer Karneval. «Letztlich geht es darum, dass die Menschen eine schöne Zeit haben.»
Diese Entwicklung führt auch zu neuen Kooperationen zwischen Künstlern beider Städte. Für 2026 sind bereits mehrere gemeinsame Projekte angekündigt. Die Band «Rheinperlen» plant einen Song, der bewusst Elemente aus beiden Dialekten verbindet. «Wir wollen zeigen, dass das Rheinland musikalisch zusammengehört», sagt Bandleader Peter Hoffmann.
Trotz dieser Annäherung bleiben gewisse Rivalitäten bestehen. Wenn es um den schönsten Rosenmontagszug oder das beste Karnevalsmotto geht, verteidigen sowohl Kölner als auch Düsseldorfer leidenschaftlich ihre eigenen Traditionen.
Die Tourismus-Experten beider Städte beobachten diese Entwicklung mit Interesse. «Für Besucher aus dem Ausland ist es faszinierend zu erleben, wie sich die rheinische Karnevalskultur in verschiedenen Städten ähnelt und doch unterscheidet», erklärt Tourismusdirektor Martin Becker. «Diese Vielfalt macht den Karneval im Rheinland zu einem besonderen Erlebnis.»
Auch die Gastronomie passt sich an: In Düsseldorfer Kneipen wird während der Karnevalssession nicht nur Alt, sondern auch Kölsch ausgeschenkt – ein Zugeständnis, das noch vor Jahren undenkbar gewesen wäre.
Der kulturelle Austausch bereichert letztlich beide Seiten. «Der rheinische Karneval lebt von Tradition und Wandel», fasst Karnevalsforscher Prof. Dr. Michael Kuhlmann zusammen. «Die musikalische Öffnung zwischen Köln und Düsseldorf ist ein schönes Beispiel dafür, wie lebendige Kultur funktioniert.»
Für die Jecken bleibt am Ende eine einfache Wahrheit: Ob kölsch oder düsseldorfer Töne – Hauptsache, die Stimmung stimmt und das Herz lacht.