Neue wissenschaftliche Untersuchungen des Pottwals, der im Dezember vergangenen Jahres vor Sylt strandete, geben Forschern wertvolle Einblicke in das Leben des Meeresriesen. Die Laborergebnisse erzählen eine Geschichte über die Herausforderungen, mit denen diese majestätischen Tiere in der Nordsee konfrontiert sind.
Der 15 Meter lange und etwa 20 Tonnen schwere männliche Pottwal war Ende Dezember tot an der Nordseeinsel angespült worden. Nach umfangreichen Untersuchungen konnten Wissenschaftler nun feststellen, dass das Tier etwa 15 Jahre alt war – ein junger Erwachsener in der Welt der Pottwale, die bis zu 60 Jahre alt werden können.
«Die Untersuchungen haben ergeben, dass der Wal weitgehend gesund war», erklärt Dr. Ursula Siebert vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. «Allerdings fanden wir Hinweise auf eine beginnende Lungenentzündung, die das Tier geschwächt haben könnte.»
Besonders interessant für die Forscher waren die Analysen des Mageninhalts. «Im Magen fanden wir Überreste von Tintenfischen, die typische Beutetiere von Pottwalen sind», berichtet Meeresbiologe Dr. Magnus Schmidt. «Überraschend war jedoch, dass wir auch kleine Mengen von Mikroplastik nachweisen konnten, was die weitreichende Verschmutzung unserer Meere belegt.»
Die Blutuntersuchungen zeigten zudem erhöhte Werte bestimmter Schwermetalle, besonders Quecksilber und Kadmium. Diese Befunde alarmieren die Wissenschaftler, da sie auf eine zunehmende Belastung des Meeresökosystems hindeuten.
«Pottwale sind eigentlich Bewohner tieferer Gewässer und kommen nur selten in die vergleichsweise flache Nordsee», erklärt Meeresbiologin Friederike Hansen. «Wenn sie sich hierher verirren, finden sie oft nicht genug Nahrung und können sich nicht richtig orientieren.»
Der Fund eines gestrandeten Pottwals ist für die Forschung immer ein zwiespältiges Ereignis. Einerseits bietet er die seltene Gelegenheit, diese beeindruckenden Tiere genauer zu untersuchen. Andererseits steht jede Strandung auch für ein tragisches Einzelschicksal.
Die Inselbewohner auf Sylt haben den Wal in ihr Herz geschlossen. «Viele Einheimische und auch Urlauber kamen, um dem Tier die letzte Ehre zu erweisen», berichtet Inselförster Thomas Hansen. «Es hat uns alle sehr bewegt.» Inzwischen wurde ein Teil des Skeletts präpariert und soll künftig in einer kleinen Ausstellung auf der Insel zu sehen sein.
Wissenschaftler hoffen, dass die Erkenntnisse aus den Untersuchungen dazu beitragen, den Schutz dieser gefährdeten Meeresriesen zu verbessern. Die Internationale Walfangkommission schätzt, dass weltweit nur noch etwa 300.000 Pottwale leben – ein Bruchteil des ursprünglichen Bestands.
«Jede Strandung ist eine Mahnung, dass wir mehr für den Schutz unserer Meere tun müssen», betont Meeresschützerin Lisa Peters. «Die Ergebnisse vom Sylt-Wal zeigen, wie eng das Schicksal dieser Tiere mit unserem Umgang mit der Umwelt verknüpft ist.»
Die umfassenden Ergebnisse der Untersuchungen werden in den kommenden Monaten in einer Fachzeitschrift veröffentlicht und sollen dann auch anderen Forschergruppen zur Verfügung stehen, um das Verständnis dieser faszinierenden Meeresbewohner zu vertiefen.