In Hamburg stehen seit den frühen Morgenstunden U-Bahnen und Busse still. Die Gewerkschaft ver.di hat die Beschäftigten der Hochbahn und der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Tausende Pendler und Schüler müssen heute alternative Wege finden, um ihre Ziele zu erreichen.
«Die Beteiligung der Kollegen ist außerordentlich hoch», berichtet Natale Fontana, Verhandlungsführer bei ver.di. «Fast alle Betriebshöfe sind komplett dicht. Nur vereinzelte Busse, die von privaten Subunternehmen betrieben werden, sind heute unterwegs.»
Der Streik betrifft alle U-Bahnlinien und nahezu das gesamte Busnetz in Hamburg und dem Umland. Lediglich die S-Bahnen, die von der Deutschen Bahn betrieben werden, sowie die Hafenfähren verkehren planmäßig.
Hintergrund des Streiks
Im Zentrum des Arbeitskampfes stehen die Tarifverhandlungen für rund 2.500 Beschäftigte. Die Gewerkschaft fordert deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, darunter:
- Eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich
- 30 Tage Urlaub für alle Beschäftigten
- Erhöhung des Urlaubsgeldes auf 1.600 Euro
- Sechs Entlastungstage für Schichtarbeiter
«Die Belastung für unsere Mitarbeiter nimmt ständig zu», erklärt Gewerkschaftsvertreter Fontana. «Personalengpässe und steigender Stress führen zu mehr Krankheitsfällen. Wir brauchen dringend eine Entlastung für die Kollegen.»
Die Arbeitgeberseite bezeichnet die Forderungen hingegen als «wirtschaftlich nicht tragbar«. Hochbahn-Sprecherin Constanze Dinse betont: «Wir verstehen den Wunsch nach Entlastung, aber die geforderte Arbeitszeitverkürzung würde unseren Personalbedarf um etwa 20 Prozent erhöhen – in Zeiten, wo wir ohnehin händeringend nach Fahrern suchen.»
Auswirkungen auf die Stadt
In der Hamburger Innenstadt und auf den Hauptverkehrsstraßen bildeten sich bereits am frühen Morgen lange Staus. Viele Hamburger sind auf Fahrräder umgestiegen oder haben Fahrgemeinschaften gebildet. Besonders betroffen sind Schüler und Menschen, die auf den ÖPNV angewiesen sind.
«Ich musste heute zwei Stunden früher los, um pünktlich zur Arbeit zu kommen», berichtet Annika Petersen, eine Einzelhandelskauffrau aus Barmbek. «Mit dem Fahrrad brauche ich dreimal so lange wie mit der U-Bahn.»
Die Hochbahn hat ein Notfallkonzept eingerichtet, kann aber nur einen Bruchteil der üblichen Verbindungen anbieten. Fahrgäste wurden bereits am Vortag über soziale Medien und die HVV-App informiert und gebeten, wenn möglich auf andere Verkehrsmittel auszuweichen oder im Homeoffice zu arbeiten.
Gespaltene Reaktionen
Die Reaktionen der Hamburger auf den Streik fallen unterschiedlich aus. Während viele Verständnis für die Anliegen der Beschäftigten äußern, gibt es auch Kritik an der Maßnahme.
«Natürlich ist es ärgerlich, wenn man nicht zur Arbeit kommt», sagt Marcel Schmidt, der in Altona wohnt. «Aber die Arbeitsbedingungen im ÖPNV müssen verbessert werden. Sonst findet man bald niemanden mehr, der diese wichtige Arbeit machen will.»
Die Handelskammer Hamburg kritisiert hingegen den Zeitpunkt des Streiks. «Gerade jetzt, wo viele Betriebe wirtschaftlich unter Druck stehen, verursacht ein solcher Streik zusätzliche Kosten durch Arbeitsausfälle und Verspätungen», erklärt Handelskammerpräses Norbert Aust.
Wie geht es weiter?
Der heutige Warnstreik soll um Mitternacht enden. Ab morgen sollen Busse und U-Bahnen wieder nach Fahrplan verkehren. Die nächste Verhandlungsrunde zwischen ver.di und den Verkehrsbetrieben ist für kommende Woche angesetzt.
«Wir hoffen auf konstruktive Gespräche», sagt Hochbahn-Vorstand Henrik Falk. «Unser Ziel ist eine Lösung, die sowohl die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter berücksichtigt als auch die wirtschaftliche Realität nicht aus den Augen verliert.»
Ver.di schließt weitere Warnstreiks nicht aus, falls die Verhandlungen nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führen. «Die Bereitschaft der Kollegen ist hoch», betont Fontana. «Wenn nötig, werden wir den Druck erhöhen.»
Für die Hamburger bleibt zu hoffen, dass beide Seiten bald eine Einigung finden, um weitere Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr zu vermeiden.