Der amtierende Oberbürgermeister Dieter Reiter hat die absolute Mehrheit bei der Münchner OB-Wahl knapp verfehlt. Mit 48,3 Prozent der Stimmen liegt der SPD-Politiker zwar deutlich vorne, muss aber in drei Wochen zur Stichwahl gegen seinen CSU-Herausforderer antreten. Die Wahlbeteiligung lag bei beachtlichen 61,2 Prozent – deutlich höher als bei früheren Kommunalwahlen. Für die bayerische Landeshauptstadt mit ihren rund 1,5 Millionen Einwohnern beginnt nun eine entscheidende Phase.
Die Entscheidung über Münchens politische Zukunft wird am 6. April fallen. Dann müssen die Wählerinnen und Wähler zwischen Dieter Reiter und dem CSU-Kandidaten Dominik Krause wählen. Krause erreichte im ersten Wahlgang 26,7 Prozent der Stimmen und liegt damit auf dem zweiten Platz. Die Grünen-Kandidatin Katrin Habenschaden kam auf 17,4 Prozent und schied damit aus dem Rennen aus. Ihre Wählerstimmen könnten nun das Zünglein an der Waage werden.
Für Reiter ist das Ergebnis ein Dämpfer. Der 66-Jährige regiert München seit 2014 und hatte auf einen klaren Sieg im ersten Wahlgang gehofft. «Wir haben hart gearbeitet, aber die Münchnerinnen und Münchner wollen offenbar noch einmal genau überlegen», sagte Reiter am Wahlabend vor seinen Anhängern im Alten Rathaus. Seine Stimme klang kämpferisch, aber auch nachdenklich. In den kommenden Wochen wird er um jede Stimme werben müssen.
Die CSU wittert ihre Chance, nach zehn Jahren SPD-Führung das Rathaus zurückzuerobern. Dominik Krause, der 42-jährige Herausforderer, gilt als kompetent und bürgernah. «Das ist ein Achtungserfolg für uns», erklärte Krause in der Wahlnacht. «Die Münchner wollen Veränderung.» Er setzt auf Themen wie Wohnungsbau, Verkehrspolitik und Sicherheit – Bereiche, in denen viele Bürger Handlungsbedarf sehen.
Die Ausgangslage für die Stichwahl ist kompliziert. Reiter braucht die Stimmen der grünen Wähler, um seine Mehrheit zu sichern. Katrin Habenschaden hat bereits durchblicken lassen, dass die Grünen Reiter unterstützen werden. «Wir haben mehr Gemeinsamkeiten mit der SPD als mit der CSU», sagte die 44-jährige Stadträtin. Ob ihre Anhänger diesem Kurs folgen, ist aber offen. Manche Grünen-Wähler könnten zu Hause bleiben oder sogar zur CSU wechseln.
Das Wahlergebnis spiegelt die Stimmung in München wider. Viele Bürger sind mit der Stadtentwicklung unzufrieden. Die Mieten steigen unaufhörlich, Wohnraum ist knapp. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung kostet in zentralen Vierteln wie Schwabing oder der Maxvorstadt mittlerweile über 1.500 Euro kalt. Familien mit normalem Einkommen können sich das kaum noch leisten. Der Umzug in die Randgebiete oder ins Umland wird für viele zur einzigen Option.
Auch der Verkehr ist ein Dauerthema. Die Straßen sind verstopft, die U-Bahn überfüllt. Zwar hat München ein gut ausgebautes öffentliches Nahverkehrsnetz, aber es stößt an seine Grenzen. Die geplante Stammstrecke 2 für die S-Bahn verzögert sich seit Jahren. Die Bauarbeiten sind teuer und aufwendig. Viele Pendler aus dem Umland warten ungeduldig auf Verbesserungen.
Die Sicherheitslage beschäftigt die Münchner ebenfalls. Zwar gilt die Stadt im Vergleich zu anderen Großstädten als relativ sicher, aber die Kriminalitätsstatistik zeigt Anstiege in bestimmten Bereichen. Besonders am Hauptbahnhof und in einigen Vierteln wie dem Bahnhofsviertel fühlen sich Menschen nachts unsicher. Die Polizei ist personell dünn besetzt. Mehr Präsenz auf den Straßen – das fordern viele Bürger.
Dieter Reiter kann auf seine Bilanz verweisen. Unter seiner Führung hat München wirtschaftlich weiter zugelegt. Die Arbeitslosenquote liegt bei niedrigen 3,8 Prozent. Große Firmen wie BMW, Siemens und Allianz haben ihren Sitz in der Stadt. Das Oktoberfest lockt Millionen Besucher an und spült Geld in die Stadtkasse. Die Infrastruktur wurde ausgebaut, neue Kitas und Schulen entstanden.
Aber der Preis des Erfolgs ist hoch. München ist teuer geworden. Nicht nur Mieten, auch Lebenshaltungskosten liegen über dem Bundesdurchschnitt. Ein Bier im Biergarten kostet schnell fünf Euro, das Mittagessen im Restaurant selten unter zwölf Euro. Wer am Wochenende zum Einkaufen in die Innenstadt geht, braucht ein gut gefülltes Portemonnaie. Viele Normalverdiener fühlen sich abgehängt.
Die soziale Spaltung wird sichtbarer. In Vierteln wie Bogenhausen oder Nymphenburg leben die Wohlhabenden in ihren Altbauwohnungen und Villen. Dort sind die Straßen sauber, die Parks gepflegt. In Stadtteilen wie Hasenbergl oder am Hasenbergl dagegen häufen sich die Probleme. Hier wohnen viele Migranten, Geringverdiener und Familien mit mehreren Kindern. Die Infrastruktur ist schlechter, soziale Spannungen nehmen zu.
Dominik Krause verspricht, diese Probleme anzugehen. «München muss für alle lebenswert sein, nicht nur für die Reichen», lautet sein Wahlkampfmotto. Er will mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen, das Baurecht vereinfachen und private Investoren stärker einbinden. Seine Kritiker werfen ihm vor, die Interessen der Immobilienwirtschaft zu vertreten. Reiter dagegen setzt auf städtischen Wohnungsbau und strenge Regulierung.
Beim Verkehr gehen die Konzepte auseinander. Reiter fördert den Ausbau von Radwegen und will den öffentlichen Nahverkehr stärken. Er hat das 365-Euro-Ticket für den MVV eingeführt, das viele Bürger nutzen. Krause kritisiert die «Autofeindlichkeit» der Stadt und will mehr Parkplätze erhalten. Er spricht von einer «ausgewogenen Verkehrspolitik», die alle Verkehrsteilnehmer berücksichtigt.
Die Grünen haben in den vergangenen Jahren stark an Einfluss gewonnen. Bei der Stadtratswahl erzielten sie ebenfalls gute Ergebnisse und werden künftig eine wichtige Rolle spielen. Katrin Habenschaden hatte im Wahlkampf auf Klimaschutz und nachhaltige Stadtentwicklung gesetzt. Viele junge Wähler unterstützten sie. Ihr Ausscheiden aus der OB-Wahl schmälert den grünen Einfluss, aber im Stadtrat bleiben sie stark.
Die politische Landschaft in München ist vielfältig. Neben SPD, CSU und Grünen sind auch kleinere Parteien und Wählergruppen vertreten. Die FDP erreichte bei der Stadtratswahl rund sieben Prozent, die Linke etwa vier Prozent. Auch lokale Listen wie «München Liste» oder die ÖDP spielen eine Rolle. Diese Zersplitterung macht die Mehrheitsbildung kompliziert. Wer auch immer Oberbürgermeister wird, braucht im Stadtrat breite Koalitionen.
Die nächsten drei Wochen werden entscheidend sein. Beide Kandidaten werden ihre Wahlkampagnen intensivieren. Reiter muss die Wähler von seiner Kompetenz überzeugen und gleichzeitig neue Impulse setzen. «Ich habe München gut durch schwierige Zeiten geführt», betont er. «Wir haben die Corona-Krise gemeistert, die Wirtschaft läuft.» Er verweist auf konkrete Projekte wie den Ausbau der Tramlinien und neue Sozialwohnungen in verschiedenen Stadtteilen.
Krause wird versuchen, das Bedürfnis nach Veränderung zu bedienen. «Nach zehn Jahren braucht München frischen Wind», argumentiert er. Der CSU-Mann ist eloquent und gut vernetzt. Er hat als Stadtrat Erfahrung gesammelt und kennt die Verwaltung. Seine Strategie: bürgerlich, aber nicht altbacken wirken. Er will junge Familien ansprechen, aber auch ältere Wähler nicht verlieren.
Die Wahlkampfthemen werden konkret sein. Wie viele Sozialwohnungen sollen in den nächsten Jahren gebaut werden? Reiter nennt eine Zahl von 8.000 bis 2026, Krause hält das für unrealistisch. Wo sollen sie entstehen? In Freiham im Westen der Stadt entsteht bereits ein neuer Stadtteil, aber das Tempo ist vielen zu langsam. Der Boden ist teuer, die Bürokratie aufwendig.
Auch die Frage der Innenstadtbelebung spielt eine Rolle. Durch die Corona-Pandemie haben viele Geschäfte in der Innenstadt geschlossen. Die Kaufinger Straße und der Marienplatz sind zwar wieder belebt, aber der Online-Handel macht dem Einzelhandel zu schaffen. Wie kann die Innenstadt attraktiv bleiben? Reiter setzt auf Kultur und Gastronomie, Krause will Parkgebühren senken und Zufahrten erleichtern.
Die Münchner Bürger haben unterschiedliche Meinungen. «Ich wähle Reiter, weil er Erfahrung hat», sagt Maria Huber, eine 54-jährige Lehrerin aus Sendling. «Er kennt die Probleme und arbeitet daran.» Ihr Kollege Thomas Schmidt sieht das anders. «Wir brauchen einen Neuanfang. Zehn Jahre sind genug», meint der 48-Jährige. Er tendiert zur CSU, obwohl er früher SPD gewählt hat.
Junge Wähler sind gespalten. Viele Studenten und Azubis haben grün gewählt und müssen sich nun entscheiden. «Ich weiß noch nicht, ob ich zur Stichwahl gehe», sagt Lisa, 23, die an der LMU studiert. «Beide sind nicht mein Favorit.» Andere wollen Reiter unterstützen, weil er für mehr Klimaschutz steht als Krause. Die Mobilisierung dieser Wählergruppe wird entscheidend sein.
Ältere Münchner neigen eher zur CSU. In Vierteln wie Pasing oder Trudering, wo viele Eigenheimbesitzer leben, hat Krause gut abgeschnitten. Diese Wähler schätzen Stabilität und Ordnung. Sie fürchten zu viele Veränderungen und wollen, dass München «München bleibt» – eine lebenswerte, sichere Stadt mit bayerischem Charakter.
Die mediale Aufmerksamkeit ist groß. München ist nach Berlin, Hamburg und Köln die viertgrößte Stadt Deutschlands und die Landeshauptstadt Bayerns. Was hier passiert, strahlt aus. Eine CSU-Niederlage wäre ein politisches Signal weit über München hinaus. Die SPD könnte Aufwind bekommen, die CSU müsste ihre Strategie überdenken. Umgekehrt würde ein CSU-Sieg zeigen, dass die Partei auch in Großstädten noch konkurrenzfähig ist.
Bundesweit schauen Politiker nach München. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat bereits seine Unterstützung für Krause signalisiert. SPD-Chefin Saskia Esken wird Reiter in den kommenden Tagen besuchen. Beide Parteien wissen: Diese Wahl ist wichtig. Sie ist ein Test für die politische Stimmung im Land.
Die Stichwahl am 6. April wird spannend. Umfragen deuten auf ein knappes Rennen hin. Reiter liegt leicht vorne, aber der Abstand ist gering. Viel hängt davon ab, wie viele Grünen-Wähler zur Wahl gehen und wie sie abstimmen. Auch die Wahlbeteiligung wird eine Rolle spielen. Bei Stichwahlen ist sie oft niedriger als im ersten Wahlgang. Wer seine Anhänger besser mobilisiert, hat die besseren Chancen.
Für München steht viel auf dem Spiel. Die Stadt steht vor großen Herausforderungen: bezahlbarer Wohnraum, funktionierende Infrastruktur, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz. Der neue Oberbürgermeister wird diese Themen anpacken müssen. Er braucht Durchsetzungskraft im Stadtrat, gute Beziehungen zur Landesregierung und das Vertrauen der Bürger.
Dieter Reiter zeigt sich kämpferisch. «Wir gehen in die Offensive», kündigte er an. In den kommenden Wochen wird er durch die Stadtteile touren, mit Bürgern sprechen, seine Erfolge präsentieren. Er hat die Erfahrung und die Amtsautorität. Aber er muss auch zeigen, dass er neue Ideen hat und nicht nur auf Bewährtem beharrt.
Dominik Krause nutzt die Gunst der Stunde. Er ist der Herausforderer, der Hoffnungen wecken kann. «München kann mehr», lautet seine Botschaft. Er verspricht mehr Tempo beim Wohnungsbau, bessere Verkehrslösungen, mehr Bürgernähe. Ob er diese Versprechen einhalten kann, wird sich zeigen. Aber im Wahlkampf zählt zunächst die Vision.
Die Münchner haben das Wort. Am 6. April werden sie entscheiden, wer ihre Stadt in den nächsten sechs Jahren führt. Es ist eine Wahl mit Signalwirkung, nicht nur für München, sondern für ganz Bayern und Deutschland. Die bayerische Landeshauptstadt ist ein Schaufenster der Politik. Was hier geschieht, wird genau beobachtet.
In drei Wochen wissen wir mehr. Bis dahin wird gekämpft, geworben, diskutiert. Die Demokratie lebt, und das ist gut so. München zeigt, dass Kommunalpolitik wichtig ist und Menschen bewegt. Wer am 6. April nicht zur Wahl geht, verschenkt seine Stimme. Denn diese Entscheidung wird München prägen – in den kommenden Jahren und darüber hinaus.