Der Wohnungskonzern Vonovia startet in Hamburg ein ungewöhnliches Experiment. Rund 500 Wohnungen nehmen an einem Pilotprojekt teil, bei dem überschüssiger Ökostrom direkt zum Heizen genutzt wird. Die Idee klingt einfach: Wenn viel Wind weht oder die Sonne scheint, sollen elektrische Heizstäbe in den Kellern einspringen. Sie ersetzen dann teilweise das Gas in den Heizungsanlagen.
25 Heizungsanlagen hat das Unternehmen über die ganze Stadt verteilt mit dieser Technik ausgestattet. Ein Berliner Start-up namens decarbon1ze steuert die Anlagen. Es entscheidet, wann günstiger Grünstrom verfügbar ist. Dann schalten sich die Heizstäbe automatisch ein. Das System nutzt bestehende Gasheizungen weiter. Es ergänzt sie nur um eine grüne Alternative.
«Wann immer kostengünstiger Grünstrom zur Verfügung steht, ersetzt dieser das herkömmliche Gas», erklärt Vonovia-Chef Luka Mucic. Sein Unternehmen verspricht, ganze Quartiere trotz fossiler Heizanlage teilweise mit grüner Wärme zu versorgen. Der Anteil soll signifikant sein. Konkrete Zahlen nennt Vonovia noch nicht.
Neues Gesetz macht Projekt möglich
Das Projekt basiert auf einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2023. Der Bundestag hat damals einen neuen Paragrafen ins Energiewirtschaftsgesetz eingefügt. Er erlaubt solche Experimente in bestimmten Regionen. Seit Oktober 2024 läuft eine zweijährige Testphase. Hamburg gehört zu den sogenannten Entlastungsregionen. Vor allem der Norden und Nordosten Deutschlands nehmen teil.
Diese Regionen haben ein gemeinsames Problem. Bei starkem Wind produzieren Windräder oft mehr Strom als verbraucht wird. Das Netz kann die Energie nicht aufnehmen. Bisher mussten Betreiber die Anlagen dann abschalten. Der Strom ging verloren. Die neuen Heizstäbe sollen nun helfen, diesen Überschuss sinnvoll zu nutzen.
Die Technik ist nicht völlig neu. Große Kraftwerke und Fernwärmeanlagen setzen ähnliche Systeme schon länger ein. Sie wandeln überschüssigen Strom in Wärme um. Vonovia geht einen anderen Weg. Das Unternehmen bringt die Technik direkt in Wohnhäuser. Die Heizstäbe werden in vorhandene Gasheizungen eingebaut. Das soll günstiger und schneller gehen als ein kompletter Austausch.
Wie funktioniert das System?
In jedem der 25 Gebäude steckt ein elektrischer Heizstab in der Heizungsanlage. Er funktioniert ähnlich wie ein Tauchsieder im Wasserkocher. Wenn das Start-up decarbon1ze günstigen Grünstrom identifiziert, aktiviert es die Stäbe per Fernsteuerung. Sie erhitzen dann das Wasser im Heizkreislauf. Die Gasheizung muss weniger oder gar nicht arbeiten.
Das System reagiert auf die aktuelle Situation im Stromnetz. Weht nachts viel Wind, springt die elektrische Heizung an. Scheint mittags stark die Sonne, können Solaranlagen den Strom liefern. Die Software optimiert den Betrieb automatisch. Bewohner sollen davon nichts merken. Die Wohnung bleibt warm wie gewohnt.
Für die Mieter ändert sich im Alltag kaum etwas. Sie drehen ihre Heizung auf wie immer. Im Keller arbeitet die Technik unsichtbar. Nur die Heizkostenabrechnung könnte sich langfristig verändern. Ob die Kosten tatsächlich sinken, muss die Testphase erst zeigen.
Fragen bleiben offen
Viele Details des Projekts sind noch unklar. Vonovia schweigt darüber, wie viel Gas tatsächlich eingespart wird. Auch zu den Kosten gibt es keine Angaben. Wie teuer war der Einbau der Heizstäbe? Wie viel zahlt das Unternehmen für den Strom? Diese Zahlen wären wichtig für eine Bewertung.
Kritiker merken an, dass elektrisches Heizen normalerweise teurer ist als Gas. Nur wenn der Strom sehr günstig kommt, rechnet sich das System. Die Technik funktioniert also nur in Regionen mit viel Windkraft. In Süddeutschland würde sie wenig bringen.
Auch die Umweltbilanz hängt von vielen Faktoren ab. Wie oft laufen die Heizstäbe wirklich? Wie oft muss die Gasheizung trotzdem arbeiten? Und woher kommt der Strom in Flauten? Das Projekt soll in zwei Jahren Antworten liefern.
Hamburg als Testlabor
Hamburg eignet sich gut für das Experiment. Die Stadt liegt im Norden, wo viele Windräder stehen. Das Stromnetz ist oft überlastet. Gleichzeitig wohnen hier viele Menschen zur Miete. Vonovia besitzt in Hamburg Tausende Wohnungen. Das Unternehmen kann in seinen eigenen Häusern experimentieren.
Die Stadt unterstützt klimafreundliche Projekte. Hamburgs Senat will bis 2045 klimaneutral werden. Jede Idee, die Emissionen senkt, ist willkommen. Das Vonovia-Projekt passt in diese Strategie. Es nutzt vorhandene Infrastruktur und vermeidet Müll. Die alten Gasheizungen bleiben als Backup erhalten.
Für andere Vermieter könnte das Modell interessant werden. Viele fürchten die hohen Kosten einer Heizungssanierung. Das neue Heizungsgesetz zwingt sie langfristig zum Handeln. Elektrische Heizstäbe als Ergänzung könnten eine günstige Übergangslösung sein. Sie senken Emissionen, ohne die ganze Anlage zu ersetzen.
Energiewende im Heizungskeller
Das Hamburger Projekt zeigt, wie kompliziert die Energiewende im Detail ist. Erneuerbare Energien produzieren unregelmäßig Strom. Manchmal zu viel, manchmal zu wenig. Das Netz muss mit diesen Schwankungen umgehen. Neue Technologien wie die Heizstäbe helfen dabei.
Experten sprechen von Sektorenkopplung. Gemeint ist die Verbindung von Strom und Wärme. Überschüssiger Strom wird in Wärme umgewandelt und gespeichert. Das entlastet das Stromnetz. Gleichzeitig sinkt der Gasverbrauch. Beide Sektoren profitieren.
Deutschland braucht solche Lösungen dringend. Der Ausbau der Windkraft geht voran. Immer mehr Strom kommt von Windrädern. Aber das Netz wächst zu langsam. Immer öfter müssen Betreiber Windräder abschalten. Der Strom verpufft ungenutzt. Heizstäbe könnten einen Teil davon auffangen.
Zwei Jahre Testphase
Bis Oktober 2026 läuft das Pilotprojekt. Dann will Vonovia Bilanz ziehen. Wie viel Gas wurde eingespart? Wie stabil lief das System? Gab es Probleme? Die Antworten entscheiden über die Zukunft der Technik.
Wenn das Experiment gelingt, könnte Vonovia expandieren. Das Unternehmen besitzt deutschlandweit Hunderttausende Wohnungen. Viele haben noch Gasheizungen. Mit Heizstäben könnten sie alle klimafreundlicher werden. Ohne kompletten Austausch, ohne Chaos für Mieter.
Andere Vermieter beobachten das Projekt genau. Auch sie suchen nach bezahlbaren Wegen zur Klimaneutralität. Die Hamburger Heizstäbe könnten Schule machen. Oder sie bleiben eine Nischenlösung für windreiche Regionen.
Was bedeutet das für Hamburger Mieter?
Für die 500 Haushalte im Projekt ändert sich vorerst wenig. Sie heizen wie gewohnt. Im Hintergrund arbeitet neue Technik. Ob sie davon profitieren, zeigt sich erst später. Niedrigere Heizkosten wären möglich. Garantiert sind sie nicht.
Langfristig könnte das Projekt aber wichtig werden. Wenn die Technik funktioniert, könnten mehr Wohnungen folgen. Hamburg hätte dann einen Baustein mehr für die Klimawende. Mieter würden klimafreundlicher heizen, ohne selbst investieren zu müssen.
Das Vonovia-Projekt ist ein Experiment. Es testet neue Wege in der Energiewende. Hamburg dient als Labor. Die nächsten zwei Jahre werden zeigen, ob aus der Idee ein Modell für ganz Deutschland wird. Oder ob die Heizstäbe im Keller bleiben, wo sie jetzt eingebaut wurden.