Neulich stand ich vor der Grundschule meiner Nichte. Risse in der Fassade, ein notdürftig geflicktes Dach. «Seit Jahren warten wir auf Sanierung», sagte die Lehrerin resigniert. Was ich dort sah, hat System. Deutschland investiert so wenig wie nie seit der Wiedervereinigung.
Die Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums sind alarmierend. Die Nettoanlageninvestitionsquote lag 2024 bei minus 0,23 Prozent. Minus! Das bedeutet: Wir verschleißen mehr, als wir erneuern. Nach der Wiedervereinigung waren es noch über sieben Prozent. Ein dramatischer Absturz über Jahrzehnte. Straßen, Brücken, Schulen – überall sichtbarer Verfall. Der Linkenabgeordnete Cem Ince bringt es auf den Punkt: «Deutschland fährt auf Verschleiß. Marode Schulen, kaputte Straßen, eine Infrastruktur im Niedergang.» Auch die Wirtschaft investiert kaum noch. Hubertus Bardt vom Institut der Deutschen Wirtschaft warnt: «Wer jetzt investiert, der kümmert sich um reine Ersatzinvestitionen.» Mehr als 80 Prozent kommen ohnehin vom Privatsektor. Und dort fehlt jede Zuversicht. Besonders der Bau steckt tief in der Krise. Selbst das Sondervermögen bleibt weitgehend ungenutzt.
Wir leben von der Substanz. Eine ganze Generation wächst mit bröckelnder Infrastruktur auf. Die Frage ist nicht mehr, ob wir handeln müssen. Sondern wann wir endlich anfangen, unsere Zukunft wieder aufzubauen statt nur zu verwalten.