Noch heute spüre ich den kollektiven Jubel, wenn in einem Stadion ein Reck-Finale stattfindet. Die Spannung ist greifbar. In dieser Welt war Eberhard Gienger ein wahrer König. Dass er nun 75 wird, ist mehr als ein Geburtstag – es ist eine Erinnerung an eine Zeit, in der ein Turner sogar einen Fußballweltmeister in der Gunst des Publikums übertreffen konnte. 1974, im Jahr des deutschen WM-Triumphes, wählte man nicht Franz Beckenbauer, sondern Gienger zum Sportler des Jahres. Das sagt alles über seine Strahlkraft.
Sein Name steht für eine Ära. „Vor Gienger lag das deutsche Turnen am Boden“, erinnern sich Zeitzeugen. Sein Trainer „Turnopa“ Otto Zippies formte aus dem Talent eine Ikone. Giengers Devise war reine Hingabe: „Von der Wiege bis zur Urne, turne, turne, turne.“ Ich erinnere mich an seinen legendären „Wetten, dass..?“-Auftritt 1991. Er verfehlte das Reck nach dem Fallschirmsprung nur um Zentimeter. Dieses Scheitern machte ihn menschlicher und beliebter denn je. Sein Gienger-Salto ist bis heute Pflichtprogramm für jeden Spitzenturner.
Seine zweite Karriere im Bundestag war logisch. Nach dem Olympia-Boykott 1980, bei dem er als Athletenvertreter Politik aus nächster Nähe erlebte, trieb ihn der Wunsch an, etwas zu verändern. „Sport muss in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert bekommen“, forderte er stets. Auch mit 75 schwebt er noch als Fallschirmspringer in Stadien ein. Ein Leben in Bewegung – das ist sein bleibendes Vermächtnis. Er zeigt, dass wahre Legenden nicht nur Medaillen sammeln, sondern auch Herzen und Köpfe bewegen.