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Dortmund

Dortmunds letzte echte Brauereien im Überblick

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 26, 2026 3:39 a.m.
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Dortmunds Brauereien: Tradition und Wandel

Dortmunds Brauereien: Tradition und Wandel

Die Dortmunder Nordstadt hat einen ganz eigenen Geruch. Wer an einem bestimmten Wochentag vorbeikommt, wenn das Sudhaus an der Steigerstraße dampft, nimmt ihn wahr: den würzigen Duft von Malz und Hopfen. Es ist ein Duft, der jahrzehntelang das ganze Stadtbild prägte, als Dortmund noch die unangefochtene Bierhauptstadt Europas war. Mit über 30 Brauereien war die Stadt in den 1950er Jahren der größte Bierproduzent des Kontinents. Heute ist diese Blütezeit Geschichte. Was aber ist von der legendären Brautradition übrig? Und was bedeutet ihr Verschwinden für das Selbstverständnis einer Stadt, die auf Bier gebaut wurde?

Die Antwort ist ein gemischtes Bild aus industrieller Konzentration und einem zaghaften, aber leidenschaftlichen Neuanfang. Die alten Namen sind noch allgegenwärtig – DAB, Kronen, Hansa – doch ihre Heimat ist nicht mehr die gleiche. Die meisten der traditionellen Dortmunder Biermarken gehören heute zur Radeberger-Gruppe, einem Teil des Oetker-Konzerns. Gebraut werden sie alle zentral an einem Ort: in der modernen Großbrauerei an der Steigerstraße. Dieser Standort, ursprünglich von DAB auf dem alten Hansa-Gelände errichtet, ist heute der wichtigste Produktions- und Exportstandort der gesamten Radeberger-Gruppe in Deutschland. Für die Stadt bedeutet das: Die Markenvielfalt auf dem Papier bleibt erhalten, die Vielfalt an lebendigen, eigenständigen Braustätten mit eigenen Toren, eigenen Arbeitern und eigenen Sudhäusern in verschiedenen Stadtvierteln ist jedoch längst verschwunden. Aus der einst dezentralen Brauereilandschaft wurde ein zentralisierter Industriebetrieb.

Ein besonders deutliches Symbol für diesen Wandel war die Schließung der Hövels Hausbrauerei am Hohen Wall im Februar 2026. Hövels war über Jahrzehnte hinweg der letzte sichtbare Ort in der Innenstadt, an dem Braukultur für jeden erlebbar war. Hier dampfte es aus den Schornsteinen, hier roch es im Keller nach Hefe, und im Sudhaus direkt unter dem Gasthaus entstand das obergärige Hövels Original nach einem Rezept von 1893. Dieser Betrieb ist Geschichte. Uwe Helmich, Geschäftsführer der Dortmunder Brauereien, erklärte die Entscheidung mit wirtschaftlichen Zwängen: «Eine Kleinst-Brauerei ist extrem kostenintensiv, und nach den Kostensteigerungen der letzten Jahre ist das einfach nicht mehr wirtschaftlich.» Die Produktion wanderte an die Steigerstraße. Das Gasthaus bleibt zwar geöffnet, doch der Herzschlag des Ortes – das Brauen selbst – ist verstummt. Helmich räumte der «WAZ» gegenüber auch die emotionale Dimension ein: «Wir sind uns der Bedeutung der Brauerei für Dortmund bewusst und haben uns die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Das trifft uns selbst auch emotional.»

Doch Dortmunds Biergeschichte ist nicht nur eine Geschichte des Rückzugs. Parallel zur industriellen Konsolidierung hat sich eine neue, unabhängige Braukultur etabliert, die bewusst an die handwerkliche Tradition anknüpft. Ihr wichtigster Vertreter ist die Bergmann Brauerei. Nachdem die historische Brauerei 1972 schloss, wurde der Markenname 2005 von Thomas Raphael wiederbelebt. Seit 2017 braut Bergmann auf dem alten Stahlwerksgelände Phoenix West in Hörde. Mit ihren charakteristischen Bügelflaschen, einem eigenen Kiosk und einem Stehbierhallen-Standort hat sich Bergmann zu einem Symbol einer Dortmunder Bier-Renaissance entwickelt. Sie steht für lokalen Stolz, handwerkliche Herstellung und ein Gegenmodell zur anonymen Konzernware. Neben dem klassischen Export bietet Bergmann auch Spezialitäten wie ein obergäriges Schwarzbier oder ein doppelt gehopftes IPA an und spricht damit eine neue Generation von Biertrinkern an.

Ein weiterer Hoffnungsträger ist die junge Dortmunder Borussia Brauerei. Sie knüpft an eine historische Brauerei von 1885 am Borsigplatz an, die schon 1901 wieder verschwand. 2022 brachte Jan-Henrik Gruszecki den Namen zurück. Dieser hat eine besondere Bedeutung für die Stadt: Ein altes Werbeschild der Borussia-Brauerei soll die Gründer des BVB 1909 bei der Namensfindung inspiriert haben. Mit einem Pils, einem Export und einem Rotbier namens «1926» – aufgelegt zum 100. Jubiläum des Stadions Rote Erde – verbindet die neue Borussia Brauerei lokale Geschichte mit modernem Brauhandwerk.

  • Bergmann Brauerei: Symbol einer Dortmunder Bier-Renaissance.
  • Borussia Brauerei: Historische Wurzeln und modernes Brauhandwerk.
  • Hövels Hausbrauerei: Verlust eines zentralen Braukulturortes.
  • Markenvielfalt und dezentralisierte Brauereilandschaft sind verschwunden.
  • Wirtschaftliche Zwänge beeinflussen die Brauereikulturen.
  • Die Craft-Beer-Szene bringt Innovation und Vielfalt zurück.

Diese unabhängigen Brauereien sind mehr als nur Produzenten. Sie sind Kristallisationspunkte für lokale Identität. Während die großen Marken an der Steigerstraße für Millionen von Menschen in ganz Deutschland und dem Ausland Dortmunds Biertradition repräsentieren, sind es Bergmann und Borussia, die das Gefühl von «Heimat im Glas» für viele Dortmunder selbst bewahren. Sie zeigen, dass Bierkultur nicht nur in der industriellen Massenproduktion, sondern auch in der handwerklichen Qualität, der regionalen Verbundenheit und der Experimentierfreude liegen kann.

Darüber hinaus existiert in Dortmund eine kleine, aber lebendige Craft-Beer-Szene. Kleinbrauereien und ambitionierte Hausbrauer bringen regelmäßig limitierte Spezialitäten wie IPAs oder Stouts auf den Markt. Auch wenn sie oft keine dauerhaften Ausschankorte haben, beleben sie die Bierlandschaft und halten den Geist der Vielfalt und Innovation am Leben.

Was bedeutet dieser Wandel für die Stadt und ihre Bewohner? Die industrielle Brauwirtschaft sichert nach wie vor Arbeitsplätze und steuert erhebliche Wirtschaftsleistung bei. Die emotionale Bindung der Menschen zu ihrer Stadt wird jedoch oft durch die kleineren, sichtbaren Geschichten geprägt. Das Ende der Hövels Hausbrauerei ist dafür ein Beispiel: Es ist der Verlust eines öffentlich erfahrbaren Stücks Handwerkskultur im Herzen der Stadt. Die Frage, was mit der alten Brauanlage geschieht, ist deshalb auch eine Frage danach, wie Dortmund mit seinem industriellen Erbe umgeht. Werden die Geräte einfach abgebaut, oder kann der Ort eine neue, öffentliche Funktion im Sinne der Braugeschichte erhalten?

Für die Dortmunderinnen und Dortmunder bleibt das Bier ein zentrales Identitätsmerkmal, auch wenn seine Produktion heute anders aussieht. Die großen Feste, die Kneipenkultur und der Stolz auf den «Export» sind ungebrochen. Doch wer heute bewusst lokale Braukultur unterstützen will, der muss genauer hinschauen. Er kann in einer Kneipe nach einer Flasche Bergmann aus der Bügelflasche fragen oder ein Borussia Pils probieren. Er kann die Veranstaltungen der kleinen Craft-Brauer besuchen. Oder er kann sich einfach bewusst machen, dass der Geruch von Malz in der Nordstadt von einem der letzten großen industriellen Zeugen einer einzigartigen Stadtgeschichte stammt.

Die einstige Bierhauptstadt Dortmund existiert in dieser Form nicht mehr. Was geblieben ist, ist eine dreigeteilte Landschaft: ein industrieller Gigant, der die großen Traditionsmarken bewahrt, zwei unabhängige Brauereien, die handwerklichen Lokalstolz neu definieren, und eine kreative Szene, die experimentiert. Für echte Bierkultur lohnt sich Dortmund also nach wie vor – man muss nur wissen, dass sie heute an anderen Orten und in anderer Form zu finden ist als noch vor 50 Jahren. Die Tradition ist nicht tot, sie hat nur ein neues Gesicht bekommen.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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