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Nachrichten Lokal > Nachrichten > München > Münchner Senioren fordern digitale Inklusion
München

Münchner Senioren fordern digitale Inklusion

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 26, 2026 11:20 a.m.
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Digitale Spaltung in München

In der Münchner U-Bahn, an der Supermarktkasse, beim Arzt – überall ist die Digitalisierung greifbar. Sie verspricht Bequemlichkeit und Tempo. Doch für viele ältere Münchnerinnen und Münchner bedeutet dieser Wandel nicht Erleichterung, sondern zunehmende Ausgrenzung. Die Diskussion ist nicht neu, aber die Dringlichkeit wächst, wie ein Gespräch mit aktiven Mitgliedern der Senioren-Union der CSU im Kreisverband West zeigt. Ihre konkreten Beispiele aus dem Münchner Alltag offenbaren, wo die digitale Spaltung real wird und warum ihre Forderung nach einem Recht auf Analoges mehr ist als Nostalgie.

„Das macht die Organisation eines Arztbesuches für viele sehr schwierig“, sagt Franziska Miroschnikoff (85), seit zwei Jahrzehnten im Seniorenbeirat aktiv. Immer mehr Praxen verlangten Terminvereinbarungen ausschließlich über Online-Portale. Telefonische Auskünfte fielen weg, stattdessen bekämen Patienten oft nur den zweifelhaften Rat: „Schauen Sie im Internet nach.“ Für eine Generation, die mit dem Wählscheibentelefon groß wurde und für die das persönliche Gespräch am Empfang selbstverständlich war, ist das eine enorme Hürde. Es geht nicht um Technikfeindlichkeit, sondern um den Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung. Das Problem ist dabei nicht auf Einzelfälle beschränkt: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2023 fühlen sich 58 Prozent der Menschen über 70 in Deutschland von der digitalen Entwicklung im Gesundheitswesen überfordert oder abgehängt.

Die Forderung nach einem garantierten analogen Zugang zu Dienstleistungen unterstreicht Andreas Ellmaier (67), Vorsitzender der Senioren-AG Seniorenpolitik im Landesvorstand, mit einem Beispiel aus der Münchner Kultur. Er engagiert sich beim Verein der Freunde Schloss Blutenburg. „Für unsere Veranstaltungen haben wir die Karten online, aber immer auch analog,“ erzählt er. Rund 80 Prozent der über 800 Mitglieder nutzten diesen Weg. „Wenn wir das nur digital anbieten, bin ich beim Konzert mit den Musikern alleine.” Seine Beobachtung für München insgesamt: Karten für Kino, Theater oder große Konzerte seien praktisch nur noch online bestellbar. „Keiner will das digitale Zeitalter zurückdrehen, es muss aber für jeden Alternativen geben,” betont Ellmaier. Diese Alternative ist mehr als ein Komfortmerkmal; sie ist Voraussetzung für kulturelle Teilhabe. Die Stadt München verzeichnet in ihren städtischen Einrichtungen zwar hohe Online-Buchungsquoten, doch diejenigen, die diese nicht nutzen können oder wollen, drohen systematisch ausgeschlossen zu werden.

Mobilität, einst Synonym für Freiheit, wird für viele Ältere zum digitalen Hindernislauf. Franziska Miroschnikoff berichtet von einer 90-jährigen Bekannten, die einen Flug buchen wollte. Ein Neffe half online. Am Vorabend der Abreise erhielt die Seniorin um 23 Uhr mehrere Mails auf Englisch. Sie verstand nur, dass sie pünktlich am Flughafen sein sollte. Vor dem Rückflug erfuhr sie dann, dass sie den Flug hätte „rückbestätigen” müssen – ein Begriff und ein Vorgang, der ihr fremd war. Nur mit Glück bekam sie noch einen Platz. Miroschnikoff selbst hadert mit der MVV-Infrastruktur: „Früher gab es in jedem Stadtviertel einen Laden oder Kiosk, wo man Fahrkarten kaufen konnte; wenn ich heute eine Streifenkarte brauche, muss ich dafür von Obermenzing extra nach Pasing fahren.” Die Schließung hunderter Verkaufsstellen zugunsten von Apps und Automaten trifft besonders diejenigen, die nicht mobil genug sind, um zu den verbliebenen Zentralpunkten zu gelangen. Nach MVV-Angaben sind seit 2018 über 300 Verkaufsstellen im Verbundgebiet geschlossen worden, während die Nutzung der MVV-App kontinuierlich steigt.

Die Kommunikation mit Behörden wird zum digitalen Einbahnstraßen-Erlebnis. Monika Schillinger-Jochner (66), Schriftführerin im Senioren-Vorstand, musste einen internationalen Führerschein beantragen. „Die Terminbuchung war nur online möglich, und ohne die online zugewiesene Nummer kommt man überhaupt nicht in das Gebäude der Führerscheinstelle rein.” Dieses Prinzip der „digitalen Zugangsschleuse” verbreitet sich. Ob Bürgeramt, Fundstelle oder Kfz-Zulassung – oft ist der Online-Termin der erste und einzige Schritt. Wer ihn nicht meistert, kommt physisch nicht mehr an den Schalter. Die Stadt München wirbt zwar für ihre „München Online”-Dienste, die laut Jahresbericht 2023 über 300 Dienstleistungen digital anbieten, doch die fallengelassene analoge Alternative lässt viele Bürger buchstäblich vor verschlossenen Türen stehen.

Im finanziellen Alltag wird die digitale Spaltung besonders kostspielig und spürbar. „Geldgeschäfte werden kompliziert und teuer,” stellt Monika Schillinger-Jochner fest. Papierüberweisungen seien bei vielen Banken entweder abgeschafft oder mit Gebühren von bis zu 5 Euro pro Vorgang belegt. „Wenn man in seiner Bank überhaupt noch ein entsprechendes Formular vorfindet.” Im Einzelhandel verschärft sich die Lage. Sie erzählt von einer 92-jährigen Bekannten, deren Stamm-Supermarkt komplett auf Scannerkassen umgestellt hat. „Damit kommt sie nicht zurecht und hatte beim ersten Einkauf auch keine EC-Karte dabei, weil sie immer bar bezahlt.” Die von der Senioren-Union geforderte Bargeld-Erhaltung ist für sie keine politische Marotte, sondern eine Frage der praktischen Selbständigkeit. Die Deutsche Bundesbank bestätigt zwar, dass Bargeld 2023 weiterhin das meistgenutzte Zahlungsmittel in Deutschland war, doch der Druck auf den analogen Zahlungsverkehr im stationären Handel wächst stetig.

Ein besonders drastisches Beispiel für die sozialen Risiken der Voll-Digitalisierung ist das Warnsystem der Stadt. „Dass die Sirenen dauerhaft abgeschaltet sind, bedeutet, dass Warnungen bei Senioren nicht ankommen, wenn sie kein Smartphone mit einer entsprechenden App haben,” sagt Monika Schillinger-Jochner. „Viele ältere Menschen haben aber nur ein Handy für Notrufe und kein Smartphone. Auch ältere Menschen haben das Recht, vor Gefahren gewarnt zu werden!” Seit der Umstellung auf den digitalen Cell Broadcast und Apps wie NINA oder KATWARN ist die Warninfrastruktur auf internetfähige Geräte angewiesen. Eine Studie des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zeigt jedoch, dass nur etwa 45 Prozent der über 70-Jährigen in Deutschland ein Smartphone besitzen. In München stellt sich damit die kritische Frage, wie eine vulnerable Bevölkerungsgruppe im Ernstfall erreicht werden soll.

Die geschilderten Probleme sind keine Einzelfälle, sondern Symptome eines systemischen Wandels. Die „Münchner Erklärung” der Senioren-Union fasst die Gegenmaßnahmen in sechs konkreten Forderungen zusammen:

  • analoger Zugang zu Grunddienstleistungen
  • seniorenorientierte Benutzerfreundlichkeit
  • Stärkung der digitalen Kompetenz
  • besonderes Gewicht auf Sicherheit und Datenschutz
  • Stärkung der sozialen Teilhabe statt Isolierung
  • Erhalt von Bargeld

Es geht dabei um eine inklusive Digitalisierung, die die gesamte Stadtgesellschaft im Blick hat und Geschwindigkeit nicht über Teilhabe stellt.

In München existieren bereits Unterstützungsangebote, die jedoch oft bekannter gemacht werden müssen. Die „Digitale Hilfe” des Kulturraums München bietet kostenfreie, persönliche Sprechstunden an, etwa dienstags im Pixel in Haidhausen oder freitags im z‘sam in der Maxvorstadt. Eine telefonische Hotline unter 089/21528594 steht für Fragen zur Verfügung. Ein weiteres wichtiges Netz sind die 34 Alten- und Service-Zentren (ASZ), die über alle Stadtteile verteilt sind. Sie sind offene Treffpunkte mit Cafeteria und bieten konkrete Beratung und Hilfe – auch zu digitalen Themen. Diese niedrigschwelligen Angebote sind essenziell, können aber die strukturellen Hürden allein nicht beseitigen.

Die Diskussion zeigt einen grundlegenden Konflikt in der Stadtentwicklung: Effizienz versus Inklusion. München als wachsende, technologiefreundliche Metropole setzt auf digitale Lösungen, um Prozesse zu beschleunigen und Kosten zu senken. Doch dieser Kurs hinterlässt einen erheblichen Teil der Bürgerinnen und Bürger auf der Strecke – besonders die ältere Generation. Die Forderungen der Senioren sind daher auch ein Appell an die Stadtpolitik, verbindliche Regelungen zu schaffen. Es braucht eine kommunale Digitalisierungsstrategie, die nicht nur die technische Infrastruktur, sondern verbindliche analoge Alternativen und barrierefreie Zugänge für alle Generationen festschreibt. Der Münchner Stadtrat hat hier eine direkte Verantwortung, etwa bei der Vergabe von Konzessionen für Dienstleistungen oder bei der Ausgestaltung der eigenen Verwaltungsabläufe.

Letztlich geht es um die Frage, was für eine Stadt München sein will. Eine, in der das Tempo der Technik über das Wohl der Menschen gestellt wird? Oder eine, die ihre soziale Verantwortung ernst nimmt und sicherstellt, dass niemand – ob in Sendling, Schwabing oder Perlach – von essenziellen Dienstleistungen des täglichen Lebens ausgeschlossen wird? Die Stimmen der Münchner Senioren sind ein wichtiger Weckruf. Ihre Forderungen nach Teilhabe und Wahlfreiheit sind keine Bitte um Sonderbehandlung, sondern ein Plädoyer für eine menschengerechte und solidarische Stadt, in der Digitalisierung dient, anstatt zu spalten. Die kommenden Entscheidungen des Stadtrats in Bereichen wie Bürgeramt, Verkehr oder Gesundheit werden zeigen, ob München diesen Weckruf hört.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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