Als Münchner Lokalreporterin kenne ich die tägliche Suche nach einem Parkplatz nur zu gut. Besonders in dicht besiedelten Vierteln wie Schwabing oder Berg am Laim verwandelt sich das Nachhausekommen nach Feierabend oft in eine zeitraubende Suchfahrt. Ein neues Pilotprojekt könnte jetzt zumindest für einige Anwohner Entlastung bringen.
Der Discounter Aldi Süd hat gemeinsam mit dem Münchner Technologieunternehmen Wemolo an sechs Standorten in der Stadt damit begonnen, Supermarktparkplätze nach Ladenschluss an Anwohner zu vermieten. Das Prinzip, oft als «Feierabendparken» bezeichnet, ist simpel: Tagsüber nutzen Kunden die Stellplätze, nachts können sie digital gebucht werden. Konkret stehen 81 Stellplätze in:
- Berg am Laim (13)
- Neuperlach (15)
- Trudering (14)
- Feldmoching-Hasenbergl (10)
- Schwabing-Freimann (17)
- Hadern (12)
Buchen kann man montags bis samstags von 18.30 Uhr bis 8.30 Uhr sowie ganztags am Sonntag. Eine Nacht kostet 5 Euro, eine Wochenflatrate 25 Euro und ein Monatsticket 50 Euro. Bei der Buchung in der Web-App oder per QR-Code vor Ort muss das Kennzeichen angegeben werden, ein automatisches System kontrolliert es bei der Einfahrt.
Auf den ersten Blick wirkt dies wie eine pragmatische Win-Win-Situation: Aldi generiert zusätzliche Einnahmen aus ansonsten leerstehenden Flächen und Anwohner gewinnen einen verlässlichen Stellplatz. Die Resonanz in ersten Gesprächen mit Bürgern an den betroffenen Standorten ist durchwachsen. «Endlich muss ich nicht mehr um 18 Uhr hektisch werden, um noch einen Platz vor der Tür zu ergattern», sagt Thomas B., der in der Nähe der Filiale in Neuperlach wohnt. Kritischere Stimmen wie Maria S. aus Schwabing-Freimann fragen hingegen: «Wer kann sich das leisten? 50 Euro im Monat sind für viele Familien mit geringem Einkommen eine Stange Geld. Damit wird das Grundrecht auf Mobilität wieder ein Stück weit zur Geldfrage.»
Tatsächlich offenbart das Pilotprojekt ein grundsätzliches, strukturelles Problem unserer wachsenden Stadt: den dramatischen Mangel an bezahlbarem Wohnraum und der dazugehörigen Infrastruktur, zu der auch Stellplätze gehören. München hat mit über 4.800 Euro pro Quadratmeter für Eigentumswohnungen und einem ständig steigenden Mietspiegel nicht nur eine Wohnungskrise, sondern auch eine Parkraumkrise. Laut dem Parkraumkonzept der Stadtverwaltung gibt es in vielen innenstadtnahen Bezirken deutlich mehr zugelassene Fahrzeuge als öffentliche oder private Stellplätze.
| Standort | Anzahl Stellplätze |
|---|---|
| Berg am Laim | 13 |
| Neuperlach | 15 |
| Trudering | 14 |
| Feldmoching-Hasenbergl | 10 |
| Schwabing-Freimann | 17 |
| Hadern | 12 |
Das Aldi-Projekt ist dabei nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. 81 Plätze in einer Stadt mit über 800.000 zugelassenen Pkw lösen das Problem nicht, sie verschieben es teilweise nur. Stadtrat und Verwaltung müssen sich mit langfristigen Lösungen befassen, die über private Initiativen hinausgehen. Dazu gehören der zügige Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, insbesondere der zweiten Stammstrecke und neuer Tram- und Buslinien in die Außenbezirke sowie die konsequente Förderung von Carsharing- und Fahrradmobilität.
Positiv an dem Modell ist der digitale, unkomplizierte Zugang. Es zeigt, wie moderne Technologie zur besseren Auslastung bestehender Infrastruktur beitragen kann. Solche Kooperationen zwischen Privatwirtschaft und Kommune sollten weiter gedacht werden. Warum nicht auch Parkplätze von Bürogebäuden, Behörden oder anderen Gewerbebetrieben nachts für Anwohner öffnen? Hier ist die Stadtpolitik gefordert, Anreize zu schaffen und bürokratische Hürden abzubauen.
Der entscheidende Punkt bleibt die soziale Gerechtigkeit. Wenn Nachtparker nur gegen monatliche Gebühren zu haben sind, werden einkommensschwache Haushalte und Großfamilien, die oft auf ein Auto angewiesen sind, systematisch benachteiligt. Eine echte kommunale Parkraumpolitik muss auch bezahlbare Lösungen im Blick haben, etwa vergünstigte Anwohnerparkausweise für bestimmte Gruppen oder den Ausbau von preiswerten Quartiersgaragen.
Das Pilotprojekt von Aldi und Wemolo ist ein interessanter Testlauf, der den Markt und das Bedürfnis definitiv bestätigt. Sein wahrer Erfolg wird aber nicht an der Auslastung der 81 Plätze gemessen, sondern daran, ob er ein Weckruf für die städtischen Entscheidungsträger ist. München braucht eine umfassende, sozial gerechte und nachhaltige Mobilitätswende. Dazu gehört auch die anspruchsvolle Aufgabe, den ruhenden Verkehr so zu organisieren, dass er das Stadtleben bereichert, statt es zu lähmen und allen Bürgern zugänglich ist – nicht nur denen mit dem dicksten Portemonnaie. Die Diskussion darüber hat mit diesen sechs Aldi-Parkplätzen gerade erst richtig begonnen.