Die Schwüle liegt wie eine Decke über der Stadt. Während am Montagmorgen noch leichte Pullover zum kurzen Frische-Kick getragen wurden, ist davon am Donnerstag kaum noch etwas zu spüren. Hamburg bereitet sich auf eine außergewöhnlich heiße Phase vor, mit Temperaturen, die für Anfang Juni deutlich über dem langjährigen Mittel liegen.
Ein steiler Anstieg mit Folgen für die Stadt
Der Wetterumschwung ist drastisch. Von angenehmen 19 Grad Celsius zum Wochenbeginn schnellen die Werte bis Donnerstag auf voraussichtlich 34 Grad in der Spitze. Das sind satte 15 Grad Unterschied innerhalb weniger Tage. Besonders bemerkenswert ist die Abweichung vom Klimadurchschnitt: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigt, dass der Donnerstag voraussichtlich etwa 10 Grad wärmer wird als der langjährigen Mittelwert für diese Zeit im Juni, der für Hamburg bei etwa 20-21 Grad liegt. «Solche markanten Temperatursprünge sind zwar nicht einzigartig, aber in dieser Intensität und Geschwindigkeit doch außergewöhnlich», erklärt Dr. Michaela Koschak, Meteorologin am Hamburger Klimabüro. «Die Kombination aus steigenden Durchschnittstemperaturen und stabilen Hochdrucklagen begünstigt diese frühen Hitzephasen.»
Die Ursache liegt in einer grundlegenden Änderung der Großwetterlage. In der vergangenen Woche sorgte beständig kühle Polarluft aus nordwestlicher Richtung für die Abkühlung. Diese Strömung bricht nun ab. Ab Mittwoch dreht der Wind auf südöstliche Richtungen und transportiert warme Kontinentalluft direkt nach Norddeutschland. In der höheren Atmosphäre, in etwa neun Kilometern Höhe, positioniert sich ein sogenannter Hochdruckrücken des Jetstreams über Deutschland. Diese Lage sorgt für absinkende Luftbewegungen, wolkenfreien Himmel und intensive Sonneneinstrahlung – die perfekte Voraussetzung für einen Hitzetag.
Stadtleben im Hitzestress: Wo die Belastung am größten ist
Die erwarteten Temperaturen stellen eine echte Herausforderung für die Stadt und ihre Bewohner dar. Die Hitze wirkt sich nicht überall gleich aus. Besonders betroffen sind die dicht bebauten Innenstadtbereiche wie St. Georg, Hammerbrook und Teile von Altona. Hier sorgt der hohe Versiegelungsgrad – also viele Asphalt- und Betonflächen – für den «Urban Heat Island»-Effekt. Die Gebäude und Straßen speichern die Hitze über Tag und geben sie nachts nur langsam ab. «In diesen ‚Hitzeinseln‘ kann es nachts bis zu zehn Grad wärmer bleiben als in den grüneren Außenbezirken wie den Vier- und Marschlanden oder Duvenstedt», so Stadtklimatologe Prof. Lars Fischer vom HafenCity Universität Hamburg. Das hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit, vor allem für ältere Menschen, chronisch Kranke und Kleinkinder.
Die Stadt Hamburg hat auf Basis eines Hitzeaktionsplans Vorkehrungen getroffen. Das Sozialministerium weist darauf hin, dass die öffentlichen Kundenzentren und Dienstgebäude der Bezirksämter als kühle Anlaufstellen dienen können. Die Bäderland-Betriebe rechnen mit starkem Andrang in ihren Freibädern, haben aber nach eigenen Angaben genügend Personal für die Tage eingeplant. Kritischer könnte die Situation im öffentlichen Nahverktar (HVV) werden. In nicht klimatisierten Bussen und U-Bahnen der älteren Generation können die Temperaturen für Fahrgäste und Personal unerträglich werden. Die Hochbahn bittet um Verständnis für mögliche Verzögerungen, da die Betriebsvorschriften bei extremer Hitze langsamere Fahrgeschwindigkeiten vorsehen, um die Technik zu schonen.
Gesundheitsrisiken und Tipps für heiße Tage
Die Gesundheitsbehörde warnt vor den unterschätzten Gefahren der Hitze. «Flüssigkeitsmangel und Überhitzung können schnell zu Kreislaufproblemen, Hitzekrämpfen oder im schlimmsten Fall zu einem Hitzschlag führen», sagt Amtsarzt Dr. Markus Weber. Besonders gefährdet seien Menschen, die alleine leben und sich nicht ausreichend um ihre Versorgung kümmern können. Die Behörde appelliert an die Nachbarschaftshilfe: «Schauen Sie in dieser Woche besonders auf ältere Nachbarn. Ein kurzes Gespräch und das Angebot, Wasser oder Medikamente aus der Apotheke mitzubringen, können lebenswichtig sein.»
- Trinken, trinken, trinken: Mindestens zwei bis drei Liter Wasser oder ungesüßten Tee über den Tag verteilt. Alkohol und koffeinhaltige Getränke meiden.
- Aktivitäten anpassen: Körperlich anstrengende Tätigkeiten und Sport in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegen.
- Wohnung kühl halten: Fenster und Rollläden tagsüber geschlossen halten, nachts und frühmorgens intensiv lüften.
- Leichte Kleidung: Luftige, helle Kleidung aus Naturstoffen wie Baumwolle oder Leinen tragen.
- Erfrischung suchen: Nicht nur Bäder, auch viele öffentliche Brunnen, die Alster oder kühle, grüne Parks wie den Stadtpark oder den Ohlsdorfer Friedhof nutzen.
Langfristiger Blick: Klimawandel als Brandbeschleuniger
Während eine einzelne Hitzewelle nicht direkt auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, passt sie in ein klares Muster. «Was wir beobachten, ist, dass die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten solcher extremen Wärmephasen und ihre Intensität durch den menschengemachten Klimawandel signifikant erhöht wird», erläutert Dr. Koschak. Die Stadt Hamburg muss sich nach Einschätzung von Experten auf häufigere, längere und intensivere Hitzewellen vorbereiten. Das bedeutet langfristige Investitionen in mehr Stadtgrün, Dach- und Fassadenbegrünung, die Schaffung von Frischluftschneisen und hitzeangepasstes Bauen.
Für das kommende Wochenende deutet sich bereits eine leichte Entspannung an. Ein Tiefdruckausläufer an der Nordsee könnte am Samstag und Sonntag für mehr Bewölkung und gelegentliche Schauer oder Gewitter sorgen, wodurch die Temperaturen voraussichtlich wieder auf Werte um die 23 Grad zurückgehen. Bis dahin heißt es für Hamburg: Sonnencreme nicht vergessen, viel Wasser trinken und die kühlen Ecken der Stadt entdecken. Die Hitze dieser Tage ist nicht nur ein Wetterphänomen, sondern auch eine Erinnerung an die Notwendigkeit, die Stadt für ein wärmeres Klima der Zukunft zu wappnen.