In der Nacht auf Sonntag endete der Berliner Christopher Street Day in einem Albtraum. Was als Tag des Feierns und der Selbstbestimmung begann, verwandelte sich nach der Abschlusskundgebung in eine Szene des Schreckens und der Gewalt. Im Tiergarten, nur wenige hundert Meter von der Siegessäule entfernt, wo noch Minuten zuvor Hunderttausende für Vielfalt und Toleranz demonstriert hatten, fuhr ein Mann mit einem weißen Minivan gezielt in eine Gruppe von Menschen. Die Bilanz ist furchtbar: Eine Frau starb noch an der Unfallstelle, mindestens 17 weitere Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schweben in Lebensgefahr. Die Berliner Polizei geht von einem terroristischen Anschlag aus – und fahndet auf Hochtouren nach einem jungen Mann, der laut Behörden der islamistischen Szene in der Hauptstadt zugerechnet wird.
Die Ermittler haben einen Verdächtigen identifiziert: Abdul B., geboren 2005, erst im Mai dieses Jahres aus dem Jugendarrest entlassen. Ein Foto zeigt einen jungen Mann mit schwarzen Haaren, schlanker Statur, etwa 1,90 Meter groß, gekleidet in schwarzem Hoodie und weißer Hose. Sein gemietetes Tatauto, ein weißer Minivan, kam nach der Tat im Tiergarten zum Stehen, kollidierte mit einem Baum. Der Fahrer floh zu Fuß. Was dann genau geschah, ist noch unklar. Zeugen berichten von einem Mann mit einer Machete, von Stichverletzungen unter den Opfern. Die Polizei prüft, ob es nach der Fahrphase eine zweite Tatphase mit weiteren Gewalttaten gab.
Noch in der Nacht eskalierte die Lage weiter im Stadtteil Schöneberg. Gegen 1:10 Uhr morgens hallte in der Bissingzeile, der Meldeadresse des Gesuchten, ein explosionsartiger Knall durch die Straße. Spezialkräfte der Polizei waren in ein Mietshaus eingedrungen. Vorhang zerrissen, bewaffnete Beamte mit Maschinenpistolen – eine Szene, die für die Anwohner in der ruhigen Seitenstraße surreal gewirkt haben muss. Abdul B. wurde jedoch nicht angetroffen. Die Fahndung konzentrierte sich auch auf die Wohnung seiner Schwester in der Wildenbruchstraße, nur wenige Kilometer entfernt. Die Frage, wie der Täter trotz massiver Absperrungen mit über 250 Zufahrtsbarrieren in den abgesperrten Veranstaltungsbereich gelangen konnte, ist einer der zentralen Punkte der Ermittlungen.
Hinter der Adresse in der Bissingzeile verbirgt sich eine für Berlin typische Lebensrealität. Ein junger Mann, der WELT gegenüber stand, berichtete, Abdul B. habe dort mit mehreren Geschwistern und seiner Mutter gewohnt. Er behauptete weiter, der Verdächtige habe bereits vor Monaten über angebliche Anschlagspläne geprahlt und seine Unzufriedenheit mit der eigenen Situation in Deutschland geäußert. Diese Aussagen werfen ein grelles Licht auf die Herausforderungen von Integration, Radikalisierung und sozialer Kontrolle in den Kiezen der Stadt. Sie zeigen, wie persönliche Frustration in einer gefährlichen Ideologie münden und schließlich in eine Tat explodieren kann, die eine gesamte Gemeinschaft erschüttert.
Die Reaktion der Sicherheitskräfte war massiv. Seit Veranstaltungsbeginn am Samstagmorgen waren über 2.200 Polizeikräfte im Einsatz, teils schwer bewaffnet, darunter auch verdeckte Ermittler und Spezialeinheiten aus anderen Bundesländern. Nach der Tat wurde das Gebiet zwischen Potsdamer Platz und dem Tiergarten-Tunnel weiträumig abgesperrt, mit Wärmebildkameras durchsucht. Die Abschlusskundgebung vor dem Brandenburger Tor, wo Sängerin Sarah Connor hätte auftreten sollen, wurde abgebrochen. Auf den großen Bildschirmen leuchtete das Wort „Evakuierung“. Wo gerade noch gefeiert wurde, waren nur noch Blaulichter zu sehen. Menschen saßen am Straßenrand und weinten. Die geplanten Abschlussveranstaltungen am Sonntag wurden abgesagt.
Dieser Angriff trifft die queere Community Berlins und alle, die für eine offene Gesellschaft einstehen, ins Mark. Der CSD ist mehr als eine Party. Er erinnert an den 28. Juni 1969, als der Polizeiübergriff auf die Schwulenbar „Stonewall Inn“ in New York zur Geburtsstunde einer weltweiten Bewegung für Gleichberechtigung wurde. Er ist ein politisches Statement, ein sichtbares Bekenntnis zum Recht, so zu leben und zu lieben, wie man es möchte. Dass ausgerechnet dieser Tag des Stolzes und der Freude zum Ziel eines mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlags wurde, ist eine bittere und zutiefst beunruhigende Ironie. Es ist ein Angriff auf die Grundwerte unserer pluralistischen Stadtgesellschaft.
Für die Berliner Politik und Sicherheitsbehörden stellen sich jetzt drängende Fragen:
- Wie konnte dieser Angriff trotz des enormen Polizeiaufgebots gelingen?
- Welche Versäumnisse gab es möglicherweise bei der Observation bereits bekannter Personen aus der islamistischen Szene?
- Wie gehen wir als Stadtgesellschaft mit der traumatischen Zäsur um, die dieser Abend bedeutet?
- Wie können wir verstärkte Sicherheitsmaßnahmen implementieren?
- Wie reagiert die Gesellschaft auf Hass und Intoleranz?
- Wie stärken wir unsere Solidarität mit der queeren Community?
Die Stadt steht unter Schock. Doch Berlin ist eine widerstandsfähige Stadt. Die Bilder der hunderttausenden friedlichen Demonstranten, die am Samtag für Liebe und Vielfalt auf die Straße gingen, werden länger in Erinnerung bleiben als die Tat eines Einzelnen. Die queere Community hat über Jahrzehnte gezeigt, dass sie sich nicht einschüchtern lässt. In den kommenden Tagen wird es wichtig sein, zusammenzustehen, den Opfern und ihren Familien beizustehen und deutlich zu machen: Unser gemeinsames Berlin lässt sich nicht spalten. Die Suche nach dem Täter läuft. Die Suche nach Antworten und der Weg zurück in den Alltag fangen gerade erst an.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Unfallort | Tiergarten |
| Opfer | 1 tot, 17 verletzt |
| Verdächtiger | Abdul B., geboren 2005 |
| Polizeieinsatz | Über 2.200 Kräfte |
| Absperrungen | Über 250 Zufahrtsbarrieren |
| Fazit | Angriff auf Grundwerte |