Die Luxemburger Straße im Kölner Süden ist mehr als nur eine Verkehrsader. Sie ist eine Lebensader für die Anwohner des Stadtteils Marienburg und ein neuralgischer Punkt für Tausende Pendler täglich. Seit vergangenem Jahr herrscht dort bereits Tempo 30, eine Maßnahme gegen den Verkehrslärm. Jetzt steht eine noch weitreichendere Veränderung im Raum: die Umwandlung einer der beiden Autospuren pro Richtung in eine Fahrradspur. Die Stadtverwaltung hat am Montag bekanntgegeben, diese Option in einer aufwendigen Mikrosimulation für 270.000 Euro prüfen zu lassen. Der zentrale Grund bleibt derselbe wie beim Tempolimit: Der Lärmschutz für die angrenzenden Wohngebiete reicht nach wie vor nicht aus, um gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Ein Gutachten habe gezeigt, dass Tempo 30 allein nicht genügt, heißt es aus dem Amt für Verkehrsplanung.
Für die Anwohner der ruhigen, von Gründerzeitvillen und modernen Wohnanlagen geprägten Seitenstraßen ist der anhaltende Lärmpegel der Luxemburger Straße ein Dauerthema. „Man gewöhnt sich nicht daran“, sagt Michael Becker, der seit über 20 Jahren in der Nähe der Kreuzung zur Universitätsstraße wohnt. „Besonders abends und nachts, wenn der Berufsverkehr abgeflaut ist und das individuelle Fahrverhalten lauter wird, ist es eine Belastung.“ Seine Beschwerde war eine von mehreren, die die Stadt zum Handeln zwangen. Auf der anderen Seite stehen die Autofahrer, für die die Luxemburger Straße eine wichtige Nord-Süd-Verbindung zwischen der Innenstadt und den südlichen Stadtteilen wie Rondorf oder Immendorf darstellt. Laut aktuellen Verkehrszählungen der Stadt nutzen täglich zwischen 25.000 und 30.000 Fahrzeuge die Straße. Eine Reduzierung auf nur eine Spur pro Richtung würde diesen Verkehrsfluss massiv beeinträchtigen.
Die Stadt versucht, diesen Interessenkonflikt mit einem komplexen Maßnahmenpaket zu begegnen, das nun im Detail untersucht werden soll. Neben dem möglichen Spurwechsel sind mehrere flankierende Eingriffe geplant:
- Ampelschaltungen an zehn Kreuzungen anpassen
- Soziale Unterschiede bei Fußgängern und Autofahrern verringern
- Rechtsabbiegerspuren auf die Universitäts-, Arnulf- und Geisbergstraße prüfen
- Höchstgeschwindigkeit in Erwägung ziehen
- Rückgang des Verkehrsaufkommens um bis zu 25 Prozent
- Lärmschutz für angrenzende Wohngebiete verbessern
Interessant ist ein möglicher trade-off: Sollte der Verkehr tatsächlich nur noch einspurig fließen, erwägt die Stadt, die Höchstgeschwindigkeit wieder auf Tempo 50 anzuheben. Erste Hochrechnungen der Verkehrsplaner prophezeien einen Rückgang des Verkehrsaufkommens auf der Luxemburger Straße um bis zu 25 Prozent, was den Lärm deutlich reduzieren, den Verkehr aber auf andere Achsen wie die Bonnstraße oder die Südtangente verlagern könnte.
Verkehrsdezernent Andreas Wolter (Grüne) betont den Prüfcharakter der Simulation: „Es geht nicht um eine Vorfestlegung, sondern darum, fundierte Daten zu erhalten. Wir müssen wissen, was eine solche Umgestaltung für den Gesamtverkehr in Köln bedeutet, bevor wir eine Entscheidung treffen.“ Kritik an diesem Vorgehen kommt jedoch aus der oppositionellen CDU-Ratsfraktion. Ihr verkehrspolitischer Sprecher, Markus Frank, warnt vor einer „systematischen Behinderung des Individualverkehrs“: „Während Großbaustellen wie die A4 den Verkehr schon jetzt an seine Grenzen bringen, plant die Stadt weitere Engpässe. Das belastet die Wirtschaft und alle, die auf das Auto angewiesen sind.“
Die Luxemburger Straße ist kein Einzelfall. Sie steht exemplarisch für einen grundlegenden Konflikt in wachsenden Städten wie Köln: die Neuaufteilung des begrenzten öffentlichen Raums. Fast zeitgleich denkt die Stadt laut über eine ähnliche Maßnahme auf der sanierten Mülheimer Brücke nach, wo ebenfalls eine Autospur für Radfahrer freigemacht werden könnte – dort primär aus Gründen der Verkehrssicherheit und Förderung des Umweltverbunds. Alternative Lösungen für das Lärmproblem an der Luxemburger Straße, wie der Einbau teuren Flüsterasphalts oder die Nachrüstung schalldichter Fenster an den Anliegerhäusern, wären laut Stadtverwaltung deutlich kostenintensiver und langwieriger in der Umsetzung.
Die Entscheidung über die Durchführung der Simulation fällt der Mobilitätsausschuss des Kölner Rats in seiner Sitzung am 22. September. Unabhängig vom Ergebnis wird die Debatte die Gemüter in Marienburg und weit darüber hinaus weiter erhitzen. Sie wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie viel Platz darf der motorisierte Individualverkehr noch beanspruchen? Wie können die Lebensqualität in Wohngebieten und die Mobilitätsbedürfnisse aller Bürger in Einklang gebracht werden? Die Mikrosimulation wird harte Daten liefern, aber die politische Abwägung, welches Ziel höher gewertet wird – Lärmschutz oder Verkehrsfluss – bleibt eine gesellschaftliche Entscheidung. Für die Anwohner wie Michael Becker ist die Sache klar: „Meine Gesundheit und mein Recht auf Ruhe sollten nicht dem Wunsch nach einer schnellen Durchfahrt untergeordnet werden.“ Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Rat der Stadt Köln diese Einschätzung teilt.