Die Kokain-Welle rollt mit voller Wucht durch München. Was sich lange hinter den glänzenden Fassaden der wohlhabenden Stadt anbahnte, ist nun in den nüchternen Zahlen der Staatsanwaltschaft dokumentiert: Eine echte Schwemme. Das Rauschgift ist billiger, reiner und tödlicher als je zuvor. Für die Behörden ist es der klare Beweis, dass München im Fadenkreuz internationaler Drogenkartelle steht. Die Auswirkungen dieser Entwicklung durchdringen bereits alle Schichten unserer Stadt – von den Clubs im Glockenbachviertel bis zu den Büros in Schwabing, von den Parks in Giesing bis zu den trauernden Familien in allen Stadtteilen.
Zahlen, die eine Stadt in Alarmbereitschaft versetzen
Staatsanwalt Jakob Schmidkonz wählte am Dienstag in der Münchner Justizpressestelle deutliche Worte. Er sprach von einer «Kokainschwemme», die die bayerische Landeshauptstadt erreicht habe. Die Daten, die er vorlegte, sind alarmierend und zeichnen eine Entwicklung, die in dieser Geschwindigkeit selbst Experten überrascht. Im Jahr 2025 wurden im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums München 140 Fälle von Drogenhandel in nicht geringer Menge registriert. Satte 104 davon, also 74 Prozent, betrafen Kokain. Vor fünf Jahren lag dieser Anteil noch bei 26 Prozent. Ein dramatischer Anstieg, der zeigt, wie sehr der Markt sich verändert hat.
Noch beklemmender sind die Zahlen zu den Drogentoten. Von den 41 Menschen, die 2025 in München an den Folgen ihres Drogenkonsums starben, wurden 20 Fälle durch Kokain verursacht. «In Fachkreisen wird erwartet, dass Kokain Heroin in den kommenden Jahren als häufigste Todesursache im Bereich der drogenbedingten Todesfälle verdrängen könnte», so Schmidkonz. Besonders erschütternd ist die Verjüngung der Opfer. Das Durchschnittsalter der Drogentoten sank von 2024 auf 2025 um zweieinhalb Jahre. Die Hälfte der 20 Kokain-Opfer des letzten Jahres war jünger als 35 Jahre. Es sind junge Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen werden – Söhne, Töchter, Freunde und Kollegen aus unserer Mitte.
Billiger, reiner, verfügbarer: Der perfekte Sturm auf dem Drogenmarkt
Was diese Epidemie antreibt, ist eine gefährliche Kombination aus Wirtschaftsfaktoren. Die Qualität des auf Münchens Straßen erhältlichen Kokains hat ein historisches Hoch erreicht. Während der durchschnittliche Reinheitsgehalt 2021 noch bei 65,7 Prozent lag, schnellte er 2025 auf 79 Prozent. In Einzelfällen beschlagnahmte die Polizei sogar Kokain mit einem Reinheitsgrad von 95 Prozent. Gleichzeitig sind die Preise im Sturzflug. Musste man 2021 noch durchschnittlich 93,10 Euro für ein Gramm zahlen, so waren es 2025 nur noch 68,13 Euro. «Ein historischer Höchststand», kommentiert Schmidkonz die Reinheit, «bei sinkenden Preisen.»
- Erhöhte Reinheit von Kokain
- Sinkt die Preis für Kokain
- Wachsende Konsumentenschichten
- Junge Konsumenten sind betroffen
- Gefahr von Überdosierungen
- Steigende Drogentoten
Professionelle Strukturen und Rekord-Sicherstellungen
Hinter dem Überangebot stehen keine Kleindealer mehr, sondern hochprofessionelle, international vernetzte Strukturen der organisierten Kriminalität. Die Sicherstellungsmengen sprechen eine deutliche Sprache. Im November 2025 machte die Polizei einen Rekordfund von 22 Kilogramm Kokain. Dieser Rekord wurde im Mai dieses Jahres bereits wieder gebrochen – mit einer Sicherstellung von 28 Kilogramm. «Sicherstellungen von einem Kilo und mehr haben in München inzwischen keinen Seltenheitswert mehr», stellt Schmidkonz fest.
Die Händler vor Ort beziehen ihre Ware zunehmend direkt über internationale Lieferketten, ohne Zwischenhändler. Die Kommunikation läuft über verschlüsselte Kryptomessenger und -telefone, Bezahlungen werden mit Kryptowährungen getätigt. Für die Ermittler ist das eine enorme Herausforderung. Dennoch meldet die Staatsanwaltschaft auch Erfolge. Im August stehen zwei Prozesse an. In einem Fall geht es um einen mutmaßlichen Koordinator einer internationalen Gruppierung, der für den Verkauf von Kokain in München zuständig gewesen sein soll. Ihm wird zur Last gelegt, 123 Kilogramm Kokain aus Bolivien, das über die Niederlande und Frankfurt nach München transportiert wurde, vertrieben zu haben. Die Anklage zeigt das internationale Kaliber der Netzwerke, die München als lukrativen Markt entdeckt haben.
Eine Stadt zwischen Sicherheitsgefühl und neuer Bedrohung
München gilt zu Recht als eine der sichersten Großstädte Deutschlands. Die Gesamtzahl der Drogendelikte ist aufgrund der Teillegalisierung von Cannabis sogar rückläufig. Doch genau das macht die Entwicklung bei Kokain so besorgniserregend. Während in anderen Bereichen Entspannung herrscht, baut sich hier eine spezifische und wachsende Gefahr auf. «Im Bereich Kokain gibt es eine deutlich gegenläufige Entwicklung», so Schmidkonz.
Diese gegenläufige Entwicklung trifft auf eine Stadtgesellschaft, die das Thema Drogenkonsum oft als Problem anderer, weniger wohlhabender Viertel betrachtet hat. Doch die Kokainwelle macht vor keiner Tür halt. Sie ist in den Büros, den angesagten Bars und den privaten Wohnzimmern angekommen. Die Arbeit von Suchtberatungsstellen wie der Drogenhilfe München oder der Drogennotdienst München wird vor diesem Hintergrund immer wichtiger, doch auch immer schwieriger. Sie berichten von einer steigenden Nachfrage nach Hilfe, die mit den verfügbaren Ressourcen kaum noch zu bewältigen ist.
Was bedeutet das für München?
Die «Kokainschwemme» ist kein abstraktes polizeiliches Problem. Sie hat konkrete, menschliche Gesichter. Es sind die jungen Menschen, die sterben. Es sind die Familien, die zerbrechen. Es ist der soziale Frieden in einer Stadt, die mit den Folgen einer verharmlosten Party-Droge konfrontiert wird, die sich in eine hochpotente und allgegenwärtige Gefahr verwandelt hat.
Die Antwort muss auf mehreren Ebenen erfolgen. Die Strafverfolgungsbehörden brauchen mehr Personal und technische Ausstattung, um gegen die digitalen Abwehrmechanismen der Kartelle anzukommen. Die Politik muss die Suchthilfe und Präventionsarbeit massiv ausbauen – in Schulen, Universitäten und Betrieben. Und wir als Stadtgesellschaft müssen das Gespräch suchen, die Verharmlosung beenden und erkennen, dass diese Krise uns alle angeht. Die Zahlen der Staatsanwaltschaft sind ein Weckruf. Ob München darauf mit gemeinsamer Kraft reagiert, wird darüber entscheiden, wie viele junge Leben in den kommenden Jahren noch gerettet werden können.
| Jahr | Kokainfälle | Drogentote | Durchschnittsalter der Drogentoten |
|---|---|---|---|
| 2021 | 65 | 15 | 37 |
| 2024 | 110 | 21 | 35 |
| 2025 | 140 | 20 | 32.5 |