Als erfahrene Lokaljournalistin in Berlin spüre ich den Schock dieser Stadt noch immer in meiner Brust. Was als ein Tag der Feier, der Freiheit und der selbstbewussten Sichtbarkeit begann, endete in einer Nacht des Grauens, das uns alle geprägt hat. Der Christopher Street Day 2025 in Berlin – ein Fest, das Hunderttausende für Toleranz und Vielfalt auf die Straße brachte – wurde von einem islamistischen Terroranschlag überschattet. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt. Die Ermittlungen haben einen Tatverdächtigen identifiziert und getötet, doch die Fragen, die dieser Angriff aufwirft, sind damit nicht verstummt. Sie hallen durch die Gassen unserer Stadt, durch die queeren Clubs in Schöneberg und die besorgten Gespräche in den Kiezkneipen.
Die Tat ereignete sich am späten Samstagabend, kurz vor 22 Uhr, am Ahornsteig parallel zur Lennéstraße im Tiergarten – nur wenige hundert Meter entfernt vom pulsierenden Festivalgelände am Brandenburger Tor. Ein weißer Transporter fuhr dort in eine Menschenmenge, rammte schließlich einen Baum. Was dann folgte, deutet auf eine zweite, noch brutalere Tatphase hin: Nach Zeugenaussagen stieg eine Person aus dem Fahrzeug und griff mit einer Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete, umstehende Menschen an. Die Polizei suchte daraufhin fieberhaft nach dem Fahrer. Die Identität des mutmaßlichen Täters war der Polizei nicht unbekannt: Es handelte sich um den 21-jährigen Abdul B., einen in Deutschland geborenen Mann mit libanesischen Wurzeln, der der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet wurde.
Ein Gefährder mit bekannter Vergangenheit
Abdul B. war den Sicherheitsbehörden ein Begriff. Erst im Mai dieses Jahres war er vom Amtsgericht Tiergarten wegen versuchter Anschlüsse an die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, verbunden mit der Auflage, an einem Ausstiegsprogramm teilzunehmen – ein Programm, das zum Zeitpunkt der Tat noch nicht begonnen hatte. Laut Bundeskriminalamt (BKA) gibt es in Deutschland aktuell 410 islamistische Gefährder, Menschen, denen größere Gewalttaten zugetraut werden. Abdul B. gehörte offenbar zu diesem Kreis.
Die Hintergründe seiner Radikalisierung werden nun Stück für Stück zusammengesetzt. Er hatte Verbindungen nach Österreich, war zeitweise nach islamischem Recht mit einer Frau aus Salzburg verheiratet, wie die dpa berichtet. Sozialarbeiter des Violence Prevention Networks beschrieben ihn als „sehr gefassten, sehr vorsichtigen, sehr kontrollierten“ Menschen – genau jene Eigenschaften, die es schwierig machen, an eine Person heranzukommen, wie Thomas Mücke vom VPN im ARD-Brennpunkt erklärte. Eine vom Landeskriminalamt Berlin installierte Überwachungskamera gegenüber seinem Wohnhaus in Schöneberg filmte ihn am Samstagabend um 20:58 Uhr. Nur wenige Minuten später soll der Anschlag geschehen sein. Die Behörden hatten ihn im Blick, doch sein Verhalten nach der Haftentlassung lieferte laut Ermittlern keine konkreten Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag.
Die Opfer und eine Stadt im Schock
Das Opfer, das bei dem Angriff sein Leben verlor, war eine polnische Staatsbürgerin, die sich mit ihrer Tochter in Berlin aufgehalten hatte. Der polnische Konsul steht in Kontakt mit den deutschen Behörden, um der Familie beizustehen. Unter den 29 Verletzten befanden sich Menschen mit teilweise schwersten Verletzungen – Stichwunden, aber auch mehrfache Knochenbrüche durch den Aufprall mit dem Fahrzeug. Acht Verletzte wurden in der Charité behandelt, vier von ihnen mussten notoperiert und intensivmedizinisch versorgt werden. Ein Sprecher der Charité gab nun vorsichtig Entwarnung: „Der körperliche Gesundheitszustand der vier Patienten stabilisiert sich erfreulicherweise weiter.“ Drei von ihnen konnten bereits auf eine Normalstation verlegt werden.
Der Schock sitzt tief. „Ganz Berlin ist geschockt“, sagte Notfallseelsorgerin Uta Bolze, die am Tatort im Einsatz war. An verschiedenen Gedenkorten legten Menschen Blumen nieder, entzündeten Kerzen. Viele hätten das Bedürfnis, ihre Erlebnisse zu teilen. Einige empfanden den Angriff als einen direkten Anschlag auf die queere Gemeinschaft. Dieses Gefühl teilte auch der Berliner CSD-Verein. „Die Hetze, die wir im Internet und im Alltag erleben, ist keine schöne Situation und hat Folgen für unsere Sicherheit. Für mich bedeutet das, dass wir noch lauter und noch sichtbarer werden müssen“, sagte Vorstandsmitglied Marcel Voges dem Spiegel. In einer Pressemitteilung betonte der Verein: „Rechte oder religiöse Ideologien verfolgen das Ziel, queere Menschen zu unterdrücken. Wir benennen islamistischen Terror klar und ohne Relativierung.“ Gleichzeitig stellte er sich gegen jeden Versuch, die Tat für pauschalen Hass gegen Muslime zu missbrauchen.
Die Ermittlungen und offene Fragen
Die Ermittlungen wurden inzwischen von der Berliner Generalstaatsanwaltschaft an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe übergeben – ein Zeichen für die besondere Schwere und die mutmaßlich islamistische Motivation der Tat. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach klar von einem „islamistischen Terroranschlag“.
Die Fahndung nach Abdul B. endete am Sonntagabend in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau. Laut Polizei lief der Mann mit einer Stichwaffe auf Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) zu, die daraufhin das Feuer eröffneten. Trotz sofortiger Reanimationsmaßnahmen starb er am Einsatzort. Die Gefahr eines weiteren unmittelbaren Anschlags sei damit gebannt, so Dobrindt, doch die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Eine zentrale Frage ist: Hatte Abdul B. Unterstützung?
- Ein weiterer Mann wurde zunächst festgenommen
- Er hatte mutmaßlich im Tatfahrzeug gesessen
- Die Ermittlungen konnten eine Beteiligung nicht belegen
- Der Mann wurde wieder entlassen
- Ein Vorsitzender eines Kleingartenvereins berichtete von einer zweiten Person
- Die Ermittlungen suchen nach möglichen Hintermännern
Konsequenzen für Sicherheit und Gesellschaft
Der Anschlag hat eine intensive Debatte über den Umgang mit islamistischen Gefährdern und die Sicherheit bei Großveranstaltungen ausgelöst. Jamuna Oehlmann von der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx) fragt gegenüber Table.Briefings: „Es müsse einem zu denken geben, warum ein Gefährder, der kürzlich noch von der Polizei aufgesucht wurde, in der Lage war, ein solches Attentat auszuüben.“
Bundesinnenminister Dobrindt kündigte an, die Sicherheitsmaßnahmen auf großen Events, besonders bei CSD-Veranstaltungen, zu verschärfen. In Hamburg, wo für das kommende Wochenende eine Pride-Parade geplant ist, werden die Vorkehrungen nun „noch einmal sorgfältig überprüft“, wie Innensenator Andy Grote (SPD) mitteilte. Andere CSDs, wie der im oberbayerischen Mühldorf, wollen trotzdem stattfinden. „Gerade nach so einem schrecklichen Ereignis ist es umso wichtiger, uns nicht einschüchtern oder verdrängen zu lassen“, erklärten die Veranstalter.
Diese Haltung teilten Hunderte, die sich am Sonntag am Brandenburger Tor versammelten, um zu gedenken und ein Zeichen zu setzen. „Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle“, stand auf einem der vielen Plakate. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) richtete eine Botschaft an die queere Gemeinschaft: „Lassen Sie sich nicht einschüchtern.“ Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zeigte sich erleichtert über die schnelle Festnahme des Tatverdächtigen, betonte aber auch: „Das ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft.“
Während die körperlichen Wunden der Verletzten langsam heilen, bleibt die seelische Verletzung in der Stadt spürbar. Die Diskussionen über Prävention, über die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit, über den Kampf gegen Extremismus und den Schutz unserer vielfältigen Gesellschaft – sie haben gerade erst begonnen. Dieser Anschlag traf den CSD, aber er traf das Herz Berlins. Und die Antwort dieser Stadt lautet, wie so oft: Zusammenstehen. Nicht einschüchtern lassen. Die bunte, laute und lebendige Gemeinschaft, die am Samstag feierte, wird auch diese Attacke nicht zum Verstummen bringen.
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Opfer | 1 Tote, 29 Verletzte |
| Tatzeit | Samstagabend, kurz vor 22 Uhr |
| Täter | Abdul B. (21 Jahre) |
| Hintergrund | Bekannter Gefährder, islamistische Verbindungen |
| Ermittlungen | Allgemeine Staatsanwaltschaft übergeben |
| Sicherheitsmaßnahmen | Werden verschärft |