Rund 400 Menschen standen am Dienstagabend still auf dem Uniplatz. Die Luft war schwer von Trauer und Wut. Sie kamen zusammen, um der Opfer des feigen Anschlags auf den Berliner Christopher Street Day zu gedenken, der nur drei Tage zuvor die Stadt erschüttert hatte. Zu der bewegenden Mahnwache hatte ein breites Bündnis aus queeren Gruppen, feministischen Initiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen aufgerufen, angeführt vom Queerfeministischen Kollektiv. In ihren Reden sprachen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Vereine und Projekte weniger von Politik, sondern mehr vom persönlichen Schmerz, der Verletzlichkeit und dem gebrochenen Sicherheitsgefühl einer ganzen Community.
Sozialbürgermeisterin Stefanie Jansen, sichtlich bewegt, leitete schließlich eine gemeinsame Schweigeminute. In dieser Stille, die nur vom leisen Verkehrsrauschen der nahen Goethestraße durchbrochen wurde, war die kollektive Betroffenheit greifbar. „Dieser Anschlag war ein Angriff auf unsere offene, freie und vielfältige Stadtgesellschaft“, sagte Jansen im Anschluss zu den Anwesenden. „Er trifft uns alle. Unser Mitgefühl gilt den direkt Betroffenen, ihren Freundinnen und Freunden, ihren Familien. Und unsere Solidarität gilt der gesamten queeren Community, die einmal mehr durch Gewalt eingeschüchtert werden soll.“
Die Mahnwache war keine laute Demonstration, sondern ein stilles, kraftvolles Zeichen des Zusammenhalts. Viele hielten Kerzen in den Händen, andere hatten Regenbogenfahnen um die Schultern gelegt. Unter den Teilnehmenden waren nicht nur Aktive der queeren Szene, sondern auch viele Studierende der nahen Universität, Anwohnerinnen aus dem Westend und Menschen, die einfach ihren Abscheu zeigen wollten. „Ich bin hier, weil ich meiner Tochter, die lesbisch ist, zeigen will, dass sie in dieser Stadt nicht allein ist“ sagte eine ältere Frau, die nur ihren Vornamen, Helga, nannte. „Was am Samstag passiert ist, das macht mir Angst. Nicht für mich, sondern für sie.“
Der Anschlag am vergangenen Samstag hatte sich gegen eine angemeldete und friedliche CSD-Veranstaltung im Stadtteil gerichtet. Einzelheiten zum genauen Tathergang und zu den ermittelten Tätern hält die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen noch zurück. Sicher ist jedoch, dass mehrere Menschen verletzt wurden und eine Welle der Empörung und Fassungslosigkeit durch Berlin und ganz Deutschland rollt. Der Berliner Senat und die Bundesregierung verurteilten die Tat scharf als Angriff auf die demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft.
Für die lokale queere Community in Berlin ist dieser Schock besonders tief. Der Christopher Street Day ist hier nicht nur eine Parade, sondern ein zentrales Symbol für jahrzehntelange Kämpfe um Akzeptanz, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit. Berlin gilt international als eine der queer-freundlichsten Metropolen, mit einem lebendigen Szeneviertel in Schöneberg und einer vergleichsweise progressiven Gesetzgebung. Doch gerade diese Sichtbarkeit macht die Community auch zur Zielscheibe für Hass und Gewalt. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“ rief eine Rednerin vom Queerfeministischen Kollektiv in das Mikrofon. „Aber wir trauern. Wir haben Angst. Und wir fordern endlich Taten, nicht nur Worte.“
Diese Forderung nach konkreten Taten war ein wiederkehrendes Thema des Abends. Gefordert wurde unter anderem:
- deutliche Aufstockung der Finanzmittel für Projekte gegen Queerfeindlichkeit
- mehr Schutz für queere Veranstaltungen
- Schutz für queer-freundliche Treffpunkte
- sensiblere Aufklärungsarbeit in Schulen
- stärkere Zusammenarbeit mit Behörden
- erhöhte Polizeipräsenz an sensiblen Orten
Sozialbürgermeisterin Jansen sicherte in ihrer Ansprache zu, dass die Stadtverwaltung den Dialog mit den Community-Vertretern nun intensivieren werde. „Wir müssen jetzt genau hinhören, was gebraucht wird. Von mehr Sicherheitspersonal bei Veranstaltungen bis zu langfristigen Bildungsprogrammen – alles muss auf den Prüfstand.“
Die Auswirkungen des Anschlags sind bereits jetzt im Stadtbild spürbar. Vor vielen queeren Kneipen und Kulturhäusern, insbesondere in Schöneberg, Kreuzberg und Neukölln, haben Menschen Blumen und Kerzen abgelegt. Solidaritätsbekundungen hängen in den Schaufenstern von Geschäften und Cafés. Gleichzeitig berichten Betreiber von Szene-Lokalen von einer angespannten Stimmung und verstärkten Sorgen ihrer Gäste. Die Polizei hat ihre Präsenz in den entsprechenden Vierteln vorläufig erhöht.
Die Mahnwache auf dem Uniplatz endete nach etwa einer Stunde. Die Menschen lösten sich langsam auf, viele umarmten sich zum Abschied. Die brennenden Kerzen ließen sie als kleines Lichtermeer auf dem Pflaster zurück – ein vergängliches, aber eindrucksvolles Mahnmal. Der Anschlag hat eine tiefe Wunde in die Stadt geschlagen. Doch der Abend zeigte auch etwas anderes: den unbeugsamen Willen vieler Berlinerinnen und Berliner, für eine Gesellschaft einzustehen, in der alle frei und ohne Angst leben können. Der Weg dorthin ist jetzt jedoch von neuem geprägt von Trauer und der dringenden Frage, wie solch ein Hass wirksam bekämpft werden kann. Die Stadtverwaltung steht in der Pflicht, Antworten zu finden, die über Symbolik hinausgehen.
| Aspekte | Details |
|---|---|
| Veranstaltung | Christopher Street Day |
| Teilnehmer | Rund 400 |
| Ort | Uniplatz |
| Initiativen | Queerfeministische Kollektiv und andere |
| Schutzmaßnahmen | Erhöhte Polizeipräsenz |
| Forderungen | Finanzmittel, Schutz, Aufklärungsarbeit |