Frankfurt Grillverbot: Picknick statt Grillen
Von Julia Becker
Ein Gedanke am Ende eines tropisch heißen Sommertags in Frankfurt: endlich die Abendkühle im Park genießen, während es vom Rost duftet. Für viele Frankfurter war das in den letzten Jahren ein Stück ganz normaler Sommerfreude. Doch in diesem Jahr bleibt dieser Gedanke ein Wunschtraum. Die Stadt hat alle öffentlichen Grillplätze gesperrt – und dieses Verbot trifft nicht nur Holzkohle-Fans. Auch wer mit einem vermeintlich sicheren Gas- oder Elektrogrill anrücken wollte, steht vor verschlossenen Toren. Die Hitzewelle mit Temperaturen weit über 30 Grad und die damit verbundene extreme Trockenheit lassen keine andere Wahl. Die Waldbrandgefahr ist zu hoch. Doch wie reagiert eine Stadtgesellschaft, wenn ein liebgewonnenes Freizeitritual plötzlich verboten ist? Der Blick in die Frankfurter Parks zeigt: Viele entdecken gerade das gute alte Picknick neu.
Seit dem 24. Juni 2026 gilt in Frankfurt am Main eine klare Regel: Alle öffentlichen Grillplätze sind bis auf Weiteres gesperrt. Die städtische Allgemeinverfügung lässt keinen Interpretationsspielraum. Sie nennt ausdrücklich nicht nur Holzkohle-, sondern auch Camping-, Gas- und Elektrogrills. „Entscheidend ist nicht, wie der Grill beheizt wird, sondern dass die gesamte Fläche gesperrt ist“, erklärt ein Sprecher des Ordnungsamtes auf Anfrage unserer Redaktion. Wer also mit seinem modernen Standgerät in den Ostpark, ins LiLu oder an den Nordpark ziehen wollte, muss umkehren. Diese Maßnahme ist keine Frankfurter Eigenheit. Auch in Wiesbaden, Stuttgart und vielen anderen Kommunen sind die öffentlichen Grillstellen dicht. Sie reagieren damit auf den Deutschen Wetterdienst, der für die Region um Frankfurt die höchste Waldbrandgefahrenstufe 5 ausgerufen hat. Ein Funke, ob von Kohle oder einer Gasflamme, könnte in der ausgetrockneten Vegetation verheerend wirken.
Doch das Sommerleben findet trotzdem statt. Ein Spaziergang am frühen Abend durch den Ostpark oder über die Wiesen am Mainufer zeigt einen deutlichen Trend: Die Picknickdecken haben die Grillroste abgelöst. Statt Grillrauch liegt der Duft von frischem Brot, Aufschnitt und Salaten in der Luft. Familien, Freundesgruppen und junge Paare haben sich auf dem Boden ausgebreitet. „Ehrlich gesagt, war ich erst sauer über das Verbot“, gesteht Miriam, eine junge Mutter aus Bornheim, während sie ihrem Sohn ein Butterbrot schmiert. „Aber jetzt genießen wir es einfach. Es ist weniger Aufwand, man hat mehr Zeit zum Reden und die Luft ist nicht voller Rauch.“ Diese Stimmung scheint weit verbreitet. Der LiLu-Betreiber bestätigt einen starken Anstieg von Besuchern mit Picknickkörben. „Die Leute sind erfinderisch. Sie holen sich kalte Platten vom Feinkosthändler oder bringen Selbstgemachtes mit. Die Atmosphäre ist entspannt und friedlich“, so eine Mitarbeiterin.
Für die Stadtverwaltung ist diese Entwicklung durchaus im Sinne des Gemeinschaftswohls. „Das Grillverbot dient dem Schutz aller und der Sicherheit unseres Stadtgrüns“, sagt Stadträtin Katrin Heinrich (Die Grünen), zuständig für Umwelt und Frauen. „Dass die Menschen jetzt vermehrt auf Picknick ausweichen, zeigt einen positiven Anpassungswillen. Es ist eine umweltfreundlichere und in der aktuellen Situation sicherere Art, das öffentliche Grün zu nutzen.“ Die Stadt weist zudem darauf hin, dass auch beim Picknick Regeln gelten: Abfälle müssen mitgenommen werden, und laute Musik ist in vielen Parks zu bestimmten Zeiten untersagt. Die Müllabfuhr berichtet bislang von keinen auffälligen Mehrbelastungen in den Parkanlagen – ein Zeichen dafür, dass viele Frankfurter verantwortungsvoll handeln.
- Abfälle müssen mitgenommen werden
- Laute Musik ist in vielen Parks verboten
- Erhöhter Wandel zu Picknick-Angeboten
- Positive Anpassungswillen der Bürger
- Entspannung und Frieden in den Parks
- Stiegernder Umsatz bei Feinkostläden
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Grillverbots sind gemischt. Feinkostläden und Supermärkte in Parknähe verzeichnen erhöhte Nachfrage nach kalten, fertigen Speisen, Salaten und Getränken. „Der Umsatz mit Picknick-artigen Artikeln ist spürbar gestiegen“, sagt ein Filialleiter eines Rewe-Marktes in Sachsenhausen. Grillfachhändler hingegen spüren einen deutlichen Rückgang bei mobilen Grills. „Die Unsicherheit ist groß. Viele Kunden fragen erst bei uns nach, ob ihr Elektrogrill denn nun erlaubt sei, und ziehen dann doch nicht zu einem Kauf“, berichtet ein Händler aus Höchst. Online-Shops wiederum werben vermehrt für Kühltaschen und stylische Picknickutensilien, die momentan stark nachgefragt werden.
Besonders betroffen von dem Verbot sind jedoch jene, die keinen privaten Garten oder Balkon haben. Für sie waren die öffentlichen Grillplätze oft der einzige Ort für ein geselliges Sommeressen im Freien. Sozialverbände weisen darauf hin, dass solche Verbote soziale Ungleichheit verstärken können. „Nicht jeder hat die finanziellen Mittel, sich regelmäßig Essen vom Feinkostladen zu holen“, sagt Linda Förster von der Frankfurter Tafel. „Das gemeinsame, günstige Grillen war hier ein großer Ausgleich.“ Sie schlägt vor, dass die Stadt in solchen Extremsituationen begleitend günstige Gemeinschaftsaktionen wie „kühles Picknick“ in ausgewiesenen Bereichen fördern könnte, um den sozialen Zusammenhalt nicht zu gefährden.
Und was ist mit dem Grillen im eigenen Garten? Rechtlich ist es nicht verboten. Das Ordnungsamt appelliert jedoch eindringlich an die Vernunft der Bürger. „Bei extrem trockenem Rasen, bei Wind oder in unmittelbarer Nähe zu Wäldern und Hecken sollte unbedingt darauf verzichtet werden“, so der Amtssprecher. Die Freiwillige Feuerwehr Frankfurt berichtet von mehreren kleinen Gartenbränden in den letzten Wochen, die auf unvorsichtiges Grillen oder unsachgemäße Entsorgung der Glut zurückgingen. „Jeder Einsatz bindet Kräfte, die in dieser extremen Lage für echte Notfälle bereitstehen müssen“, betont Feuerwehrsprecher Markus Vogel.
Die Frage bleibt, wie lange das Verbot noch anhalten wird. Es gilt „bis auf Weiteres“. Maßgeblich ist allein die Entwicklung des Deutschen Wetterdienstes und ausreichender Landregen. Solange die Gefahrenstufe 4 oder 5 besteht, wird sich daran voraussichtlich nichts ändern. Für viele Frankfurter scheint das inzwischen akzeptiert. Das Picknick erlebt eine Renaissance. Es ist leiser, geruchsarmer und in der aktuellen Krise sicherer. Vielleicht bleibt die eine oder andere Decke auch nach dem Ende des Verbots noch im Gepäck. Denn sie erinnert an einen Sommer, in dem die Frankfurter Gemeinschaft gezeigt hat, dass gemeinsame Freude auch ohne Feuer und Rauch funktioniert – einfach, solidarisch und mit Blick auf das Wohl aller.