Es ist ein Donnerstagmorgen in Berlin-Mitte, kurz vor neun Uhr. Die Straßen füllen sich mit dem Geräusch pendelnder Stadtbewohner. Für ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel sollte es der normale Weg zum Morgengebet in der Synagoge sein. Stattdessen wurde der Weg zum Schauplatz einer bedrohlichen Konfrontation, festgehalten in einem kurzen, erschütternden Handyvideo. Zwei Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite beschimpfen ihn antisemitisch. Einer von ihnen zeigt wiederholt, ungeniert und vor laufender Kamera den Hitlergruß. „Sieg Heil“-Rufe hallen durch die Straße. Während das Gemeindemitglied mit lauter Stimme die Polizei ruft, schlendern die Täter weiter, einer grinst feixend in die Linse. „Wie ist dein Name?“, fragt der Filmende. Die Antwort: „Muhammad Ali.“ Die Polizei nahm später einen der Männer fest. Sein Bild aus dem Streifenwagen, in das er direkt und herausfordernd in die Kamera blickt, ging durch die sozialen Medien.
Dieser Vorfall aus der vergangenen Woche ist kein bedauerlicher Einzelfall. Er ist ein Pixel in einem viel größeren, alarmierenden Bild, das sich in Berlin und ganz Deutschland abzeichnet. Laut dem aktuellen Jahresbericht der internationalen J7 Taskforce gegen Antisemitismus weist Deutschland weltweit die höchste Zahl antisemitischer Vorfälle auf – sowohl absolut als auch gemessen an der jüdischen Bevölkerung. Die Zahlen sind schockierend: Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle registriert. Das sind fast 70 Vorfälle pro 1.000 jüdische Einwohner. Verglichen mit dem Jahr 2022, dem Jahr vor dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober, bedeutet dies einen Anstieg um 215 Prozent. In Berlin, der Hauptstadt, verdichten sich diese nationalen Trends zu einer besonders beklemmenden Alltagsrealität für die jüdische Gemeinschaft. Vom bedrohten Paar mit Kinderwagen in Prenzlauer Berg, das als Juden identifiziert und beschimpft wurde, bis hin zur verbrannten Davidstern-Flagge in Neukölln – die Botschaft ist unmissverständlich: Der Judenhass ist zurück im städtischen Leben.
Was bedeuten diese abstrakten Zahlen konkret für das Leben in unserer Stadt? Sie bedeuten Angst auf dem Weg zum Gebet. Sie bedeuten, dass Eltern zweimal überlegen, ob ihre Kinder eine Kippa in der U-Bahn tragen. Sie bedeuten verstärkte Polizeipräsenz vor Gemeindezentren und Schulen. Für eine Stadt, die sich ihrer historischen Verantwortung und ihrer weltoffenen, toleranten Identität verschrieben hat, sind diese Entwicklungen ein zutiefst schmerzhafter Rückschlag. Die Analyse zeigt, dass der Hass von verschiedenen Seiten geschürt wird:
- 807 Vorfälle wurden 2025 einem rechtsextremen Hintergrund zugeordnet
- 501 dem linken, antiimperialistischen Spektrum
- 166 Fälle waren islamistisch motiviert
- Besonders auffällig ist der Anstieg von Vorfällen, die als „Anti-Israel-Aktivismus“ kategorisiert wurden
- Der Hintergrund bleibt bei der Mehrheit der Fälle unklar
- Ein Indiz für eine diffuse, aber weit verbreitete Gefahr
Der Experte für Islamismus, Ahmad Mansour, kommentierte das Berliner Video mit den Worten: „Ich habe es satt.“ Er erinnerte daran, dass Warnungen vor einem spezifisch muslimisch geprägten Antisemitismus jahrelang als „Panikmache“ abgetan worden seien. Heute, so seine resignierte Feststellung, schaue man sich an, „wo wir angekommen sind“. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht von einer „fortschreitenden Normalisierung des Judenhasses“, der zunehmend als „Antizionismus“ getarnt werde. Seine Forderung an den Gesetzgeber ist klar: Lücken im Strafrecht müssen geschlossen werden, Aufrufe zur Zerstörung Israels gehören konsequent unter Strafe gestellt.
Doch jenseits der gesetzlichen Debatte steht die Frage an die Berliner Stadtgesellschaft selbst: Wollen wir wirklich so leben? Die J7-Statistiken zeigen gewalttätige Vorfälle in den untersuchten sieben Staaten (Argentinien, Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, USA) insgesamt um 97 Prozent gestiegen. 20 Menschen kamen durch antisemitische Angriffe ums Leben. Die Sicherheit einer Minderheit ist ein Seismograph für den Zustand der gesamten Demokratie. Was mit der Bedrohung von Juden beginnt, kann leicht andere Gruppen treffen: Frauen, Christen, politisch Andersdenkende. „Und dann trifft es uns alle“, mahnt Mansour.
Die historische Verpflichtung Berlins ist in diesem Kontext nicht nur eine moralische Floskel, sondern ein praktischer Auftrag zum Handeln. Es geht um Wachsamkeit im Alltag, um die Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden mit Zeugenaussagen und um die Stärkung zivilgesellschaftlicher Projekte, die sich für Toleranz und Aufklärung einsetzen. Die Polizei muss Vorfälle schnell und konsequent verfolgen, wie es im Fall in Berlin-Mitte geschah. Die Politik muss auf allen Ebenen – vom Bezirksamt bis zum Bundestag – klarstellen, dass Antisemitismus in keiner Form geduldet wird. Und jeder Einzelne ist gefragt, nicht wegzusehen.
Der junge Mann im Streifenwagen, der seinen Hitlergruß mit einem frechen Grinsen rechtfertigt, ist ein Symbol für ein verlorengegangenes Unrechtsbewusstsein. Ihm entgegenzutreten, ist die dringende Aufgabe aller, die Berlin als eine sichere und lebenswerte Stadt für alle Bewohner erhalten wollen. Die erschütternden Zahlen des Jahresberichts sind ein Weckruf. Sie zeigen: Der Kampf gegen Antisemitismus ist keine Erinnerungsarbeit an die Vergangenheit. Er ist die harte, unabweisbare Realität der Berliner Gegenwart. Die Antwort darauf muss ebenso klar und gegenwärtig sein.
| Jahr | Antisemitische Vorfälle | Anstieg (%) |
|---|---|---|
| 2022 | 2.760 | – |
| 2025 | 8.725 | 215 |