Die Luft im Flughafen BER steht still, als Matthias Roeingh, besser bekannt als Dr. Motte, in sein Telefon spricht. Seine Stimme ist ruhig, aber voller Entschlossenheit. «Ich möchte die Geschichte der Loveparade weitererzählen», sagt er zu seiner Partnerin Ellen Dosch-Roeingh. «Um ein Zeichen zu setzen nach Duisburg. Um zu zeigen, dass wir ehrliche, gute Absichten für die Kultur haben.» Dieser intime Moment, festgehalten für eine neue ARD-Dokumentation, steht für einen langen, schmerzhaften Weg zurück. Ein Weg, der am 15. August 2025 seinen vorläufigen Höhepunkt findet: Dann rollt zum fünften Mal die «Rave The Planet»-Parade über die Straße des 17. Juni – eine Demonstration, die sich in der Tradition der legendären, aber auch tragisch gescheiterten Loveparade sieht.
Die Dokumentation «Love is Stronger. Von Loveparade zu Rave The Planet», ab dem 31. Juli in der ARD-Mediathek, zeichnet diesen Weg nach. Über Jahre begleitete Regisseurin Britta Mischer das Paar. Sie zeigt interne Diskussionen, organisatorische Hürden und die tiefgreifenden persönlichen Fragen, die dieser Neuanfang aufwirft. «In einer Zeit multipler Krisen möchte ich Hoffnung machen, dass Versöhnung möglich ist», erklärt Mischer. Ihr Film zeigt, wie sehr dieser Neuanfang auch ein Kampf mit Geistern der Vergangenheit ist.
Ein Erbe zwischen Jubel und Trauma
Die Geschichte ist allen Berlinerinnen und Berlinern, die die 90er Jahre miterlebt haben, ein vertrautes Kapitel der Stadtgeschichte: 1989 als politische Demonstration für «Friede, Freude, Eierkuchen» am Ku’damm gestartet, wurde die Loveparade innerhalb weniger Jahre zum weltweit bekannten Symbol für die Berliner Techno-Kultur. Sie zog Hunderttausende an und prägte das Image der wiedervereinigten Stadt als weltoffene Partymetropole. Doch mit dem Wachstum kamen die Probleme. Steigende Kosten, Kommerzialisierung. 2005 wurde die Marke verkauft, die Parade zog weg aus Berlin. Für Dr. Motte, den Gründer, war das ein Schlussstrich.
Dann kam der 24. Juli 2010. In Duisburg endete die Loveparade unter neuer Organisation in einer Katastrophe. Auf einer engen Rampe kam es zu einer Massenpanik. 21 Menschen, im Alter zwischen 17 und 38 Jahren, starben. 650 wurden verletzt. Die Bilder gingen um die Welt und begruben den Mythos Loveparade unter einem Berg aus Trauma, Schmerz und Schuldfragen.
Auch für Dr. Motte, der zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr involviert war, war dies ein zutiefst erschütternder Moment. Die Dokumentation zeigt ihn an dem stillen Gedenkort in Duisburg, wie er eine Kerze anzündet. «Ich fühle mich wirklich teilschuldig», sagt der 66-Jährige mit brüchiger Stimme. Es ist ein bewegender Moment, der die moralische Last zeigt, die er bis heute trägt. Seine Partnerin Ellen Dosch-Roeingh formuliert es im Film klar: «Wir müssen das Erbe von 2010, von dem Unglück von Duisburg, leider mittragen.»
Der «Mutti-Moment» und die Geburt von «Rave The Planet»
Die Idee, wieder eine große Techno-Parade nach Berlin zu holen, reifte langsam. Angetrieben von Dr. Mottes Wunsch, das positive kulturelle Erbe zu retten und den fehlgeleiteten Kommerz vergangener Jahre zu überwinden. Den entscheidenden Impuls gab aber Ellen Dosch-Roeingh. Die Mitbegründerin der gemeinnützigen Organisation «Rave The Planet» beschreibt im Film einen «Mutti-Moment» angesichts von Dr. Mottes anhaltender Beschäftigung mit der Duisburg-Tragödie. «Das kannst Du gerne machen», sagte sie schließlich zu seinem Vorhaben, «aber nur mit mir.»
Diese Partnerschaft ist der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Projekts. Die Dokumentation macht deutlich: Das hochkomplexe Unterfangen, eine sichere, gemeinnützige und politisch anerkannte Demonstration für Zehntausende zu organisieren, wäre ohne die strukturierte, beharrliche Arbeit von Ellen Dosch-Roeingh undenkbar. Dr. Motte, der charismatische Visionär, gibt selbst zu: «Ich verliebe mich immer in Powerfrauen.» Hier zeigt sich eine Arbeitsteilung, die auch den Kern der Sache trifft: die Verbindung von kreativem Spirit und verantwortungsvoller Organisation.
Am 9. Juli 2022 war es dann so weit. Punkt 13:55 Uhr, nach einem gemeinsamen Countdown, erwachten die Bässe am Ku’damm zum Leben. «Rave The Planet» war geboren. Vor einer jubelnden, tanzenden Masse stand Dr. Motte an seinem 62. Geburtstag sichtlich gerührt auf der Bühne und rief: «Endlich findet die Rave the Planet Parade in der Tradition der Loveparade in Berlin statt!» Es war ein emotionaler Neuanfang, der bewusst an den alten Spirit anknüpfen wollte – aber mit neuen, sichereren Regeln.
Die Herausforderung: Demonstration oder Party?
Eine der zentralen Fragen, die der Film und das Projekt selbst immer wieder aufwerfen, ist die nach der politischen Legitimation. «Rave The Planet» findet offiziell als Demonstration statt, angemeldet unter dem Motto «The Future is Ours». Das ist nicht nur ein formaler Trick, um Straßen sperren zu dürfen. Es ist ein bewusster Rückgriff auf die Wurzeln der Loveparade von 1989, die ebenfalls als Demo für Frieden und Freude begann.
Die Organisatoren betonen stets den gemeinnützigen, kulturpolitischen Charakter. Es geht um die Anerkennung der Techno-Kultur als schützenswertes immaterielles Kulturerbe, wie es Berlin 2023 beschlossen hat. Es geht um den freien Zugang zu öffentlichem Raum für Jugendkultur. Und es geht um ein kollektives Erlebnis der Freude und des Zusammenhalts in einer zunehmend gespaltenen Zeit. «Wie Techno seit Jahrzehnten mit wundersamer Kraft Grenzen überwindet und Menschen verbindet», wie es Regisseurin Mischer formuliert.
Doch der Spagat ist schwierig. Für viele Besucherinnen und Besucher ist es in erster Linie eine große, kostenlose Party. Für die Polizei und die Sicherheitsbehörden ist es eine Großveranstaltung mit enormem logistischen und sicherheitstechnischen Aufwand, die minutiös geplant werden muss. Die Dokumentation gibt Einblick in diese Planungen, in Gespräche mit Behörden und die ständige Gratwanderung zwischen freier Entfaltung und notwendiger Kontrolle.
Berlin 2025: Ein Zeichen der Standhaftigkeit
Die Parade am 15. August 2025 steht unter besonderen Vorzeichen. Nur drei Wochen zuvor, am Rande des Berliner Christopher Street Days (CSD), tötete ein islamistisch motivierter Attentäter eine Frau und verletzte 31 Menschen zum Teil schwer. Der Tatort am Breitscheidplatz liegt nur wenige hundert Meter von der geplanten Route der Techno-Parade entfernt.
Die Frage, ob die Veranstaltung angesichts dieser Bedrohungslage stattfinden könne, wurde intensiv diskutiert. «Wir haben uns viele Gedanken gemacht», räumte Dr. Motte nach dem Anschlag in der RBB-«Abendschau» ein. Doch nach ausführlichen Gesprächen mit der Polizei und den Sicherheitsbehörden entschieden die Organisatoren, das Event wie geplant durchzuführen. Ellen Dosch-Roeingh brachte die Haltung auf den Punkt: Es gebe «aus behördlicher Sicht und aus unserer Sicht keinen Grund, diese Demonstration nicht durchzuführen.»
Diese Entscheidung ist selbst eine politische Botschaft. Sie ist ein Statement dafür, dass das Berliner Gemeinschaftsleben und die freie Ausübung von Kultur nicht von Angst bestimmt werden dürfen. Sie zeigt aber auch das gestiegene Vertrauen in die Sicherheitskonzepte, die für «Rave The Planet» entwickelt wurden – ein direkter Lerneffekt aus der Geschichte.
Was bedeutet das für Berlin?
Die Rückkehr einer großen Techno-Parade in das Herz der Stadt ist mehr als ein Nostalgie-Event. Für die Berliner Stadtgesellschaft wirft sie wichtige Fragen auf:
- Wie gehen wir mit unserem kulturellen Erbe um, das gleichzeitig aus Euphorie und Trauma besteht?
- Wie viel öffentlichen Raum können und wollen wir einer solchen jugendkulturellen Manifestation zur Verfügung stellen?
- Wo liegt die Balance zwischen spontaner Feierkultur und den absolut notwendigen Sicherheitsvorkehrungen nach den Erfahrungen von Duisburg?
«Rave The Planet» versucht, Antworten zu geben. Als gemeinnützige Organisation setzt sie auf Transparenz. Die Demonstration ist kostenlos, finanziert sich über Spenden und das Engagement hunderter Freiwilliger. Das Sicherheitskonzept, entwickelt in enger Abstimmung mit der Polizei, setzt auf dezentrale Bühnen, breite Fluchtwege und ein striktes Crowd-Management – alles Lehren aus der Vergangenheit.
Die ARD-Dokumentation «Love is Stronger» kommt zur richtigen Zeit. Sie zeigt am 12. August im RBB-Fernsehen nicht nur die Vorgeschichte, sondern lädt ein, die Parade am 15. August mit anderen Augen zu sehen. Es geht nicht einfach um laute Musik und tanzende Menschen. Es geht um den Versuch einer Versöhnung mit der Geschichte, um die beharrliche Arbeit von Aktivisten, die ihre Kultur retten wollen, und um die Frage, was Gemeinschaft und öffentliche Freude in unserer Stadt heute noch wert sind.
Wenn am 15. August die Bässe zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule wummern, dann ist das auch ein Soundtrack für diesen schwierigen, aber hoffnungsvollen Neuanfang. Ein Berliner Klang zwischen Erinnerung und Zukunft.