Der Förderturm von Zeche Zollverein ragt wie ein Mahnmal aus Stahl in den Himmel über Essen-Katernberg. Für Besucher aus aller Welt ist er heute ein Symbol für die gelungene Transformation einer ganzen Region, ein UNESCO-Welterbe von atemberaubender architektonischer Schönheit. Doch der Glanz der rostroten Backsteinfassaden und der klaren Industriearchitektur überdeckt oft die Schattenseiten der Geschichte. Fast 140 Jahre lang war dieser Ort vor allem eines: ein gefährlicher Arbeitsplatz, an dem Menschen unter extremen Bedingungen schufteten, litten und starben.
Die Geschichte der Zeche Zollverein ist untrennbar mit der sozialen und wirtschaftlichen DNA des Ruhrgebiets verwoben. Sie erzählt vom technischen Fortschritt und Pioniergeist, der das Revier zur Industrieregion Nummer eins in Deutschland machte. Aber sie erzählt auch von den menschlichen Kosten dieses Fortschritts – von Grubenunglücken, die ganze Familien zerrissen, und von der systematischen Ausbeutung tausender Menschen während der NS-Diktatur. Diese Kapitel gehören genauso zum Erbe Essens wie der ikonische Doppelbock. Sie zu kennen heißt, die Identität der Stadt und ihrer Menschen wirklich zu verstehen.
Das Unglück von 1941: Eine Nacht, die 29 Familien für immer veränderte
In der kalten Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1941 riss eine gewaltige Detonation die Menschen in den Siedlungen um die Zeche aus dem Schlaf. Auf Schacht 6/9 hatte sich Grubengas, sogenanntes „Schlagwetter“, entzündet. Die Explosion war so gewaltig, dass sie sich wahrscheinlich als Kohlenstaubexplosion durch die Stollen fraß – eine tödliche Kettenreaktion in über 600 Metern Tiefe.
Dreißig Minuten nach dem Knall traf die Grubenwehr auf der siebten Sohle ein. Was sie vorfand, war eine Hölle aus Rauch, Hitze und zerstörten Strecken. Drei Bergleute, die Zimmerhauer Gustav Teubler, Aloys Klesper und Heinrich Zilch, lagen bereits tot in den Gängen. Fünf weitere Kumpel, schwer verletzt von umherfliegenden Trümmern und verbrannt von den Flammen, wurden mühsam ans Tageslicht gebracht. Zwei von ihnen, Friedrich Pohlmann und Karl Orwat, erlagen wenig später im Krankenhaus ihren Verletzungen.
Das Schlimmste aber kam erst Wochen später ans Licht. Fast zwei Monate lang blieb ein Bergmann vermisst, verschollen in den verzweigten, eingestürzten Stollen. Erst am 21. April 1941 bargen die Rettungskräfte die sterblichen Überreste von Jeanne Bonfanti, einem französischen Bergmann. Er war das 29. und letzte Opfer des bis heute schwersten Grubenunglücks auf Zollverein.
Die Trauerfeier für zehn der Opfer am 4. März 1941 auf dem Hallofriedhof in Stoppenberg war von der Kriegspropaganda des NS-Regimes überschattet. Die Lokalzeitung, die „Essener Allgemeine Zeitung“, pries die Toten nicht als Familienväter und Söhne, die ein tragisches Schicksal ereilt hatte, sondern als „fleißige Kämpfer der Heimatfront“. Den Witwen und Müttern wurde am Werkstor mitgeteilt, ihre Männer seien „auf dem Felde der Arbeit gefallen“. Das persönliche Leid wurde dem Kriegspathos untergeordnet.
Ulrich Bode, Vorsitzender des Geschichtsvereins Zeche Zollverein und selbst ehemaliger Wetteringenieur auf der Zeche, erklärt die technische Ursache: „Andere Messgeräte gab es damals nicht. Die Bergleute fuhren mit offenen Wetterleuchten ein – eine Flamme, deren blauer Rand den Gasgehalt anzeigte.“ Eine unzuverlässige und lebensgefährliche Methode. Warum sich das Gas genau an diesem Tag entzündete, konnte eine Untersuchungskommission nie zweifelsfrei klären. Möglicherweise versagte die Bewetterung, die Frischluftzufuhr, oder eine Selbstentzündung der Kohle war der Auslöser.
Ein ständiger Begleiter: Der Tod unter Tage war nie weit
Das Unglück von 1941 war der traurige Höhepunkt, aber bei weitem nicht der einzige tödliche Vorfall in der langen Geschichte der Zeche. Schon 1866 starben vier Bergleute bei einem Blindschachtunglück. 1919 forderte eine Schlagwetterexplosion drei Menschenleben. Immer wieder kam es auch zu Unfällen bei der Seilfahrt, dem Transport der Männer in die Tiefe: 1924 und nochmals 1941 starben jeweils drei Kumpel, als etwas schiefging. 1923 kamen sogar drei Bergleute bei einer verbotswidrigen Seilfahrt ums Leben.
Gemessen an ihrer immensen Größe und Förderleistung galt Zollverein im Vergleich zu anderen Zechen im Revier sogar als vergleichsweise sicher, wie Daten der Bergbau-Historikdatenbank Ruhrzechenaus zeigen. In anderen Bergwerken, wie beispielsweise auf der Zeche Minister Stein in Dortmund, forderten Unglücke weitaus mehr Opfer. Diese nüchterne Statistik ist jedoch kein Trost für die Familien, die ihren Ernährer und Vater verloren. Sie zeigt vielmehr die allgegenwärtige Gefahr, die den Beruf des Bergmanns über ein Jahrhundert lang prägte. Der Tod war ein ständiger, wenn auch unerwünschter Kollege unter Tage.
Das dunkelste Kapitel: Zwangsarbeit auf dem Welterbe-Gelände
Weniger sichtbar, aber nicht weniger grausam, ist ein anderes Kapitel der Zollverein-Geschichte, das lange im Schatten des industriekulturellen Ruhms stand: die systematische Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkriegs. Von Juni 1940 bis kurz vor Kriegsende im April 1945 mussten mehrere tausend Menschen unter unmenschlichen Bedingungen auf den Schachtanlagen und der Kokerei Zollverein schuften.
Die Mehrheit von ihnen stammte aus der damaligen Sowjetunion, aber auch Männer und Frauen aus Polen, Frankreich und anderen von Deutschland besetzten Ländern Europas wurden hierher verschleppt. Sie wurden in umliegenden Lagern untergebracht und waren schutzlos der Willkür der NS-Betriebsführung ausgeliefert.
Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein, stellt klar: „Wir gedenken der Menschen, die in zwei Weltkriegen im deutschen Steinkohlebergbau, darunter auch auf den Zollverein-Schachtanlagen, Zwangsarbeit leisten mussten. Alle diese Menschen wurden bis zur Auslöschung ihrer Existenz ausgebeutet. Krankheit, Hunger, Verletzung und Tod wurden von der damaligen Betriebsleitung der Zeche Zollverein bewusst in Kauf genommen.“
Die Essener Bürgermeisterin Julia Jacob betont, dass diese Ausbeutung „zu den dunkelsten Kapiteln des Ruhrbergbaus“ gehöre. Lange wurde dieses Unrecht auf dem Gelände kaum thematisiert. Die offizielle Erinnerung setzte spät ein.
Eine Gedenktafel und das monotone Klacken von Holzschuhen
Erst am 6. Juni 2021, dem UNESCO-Welterbetag, enthüllte die Stiftung Zollverein auf dem Gelände der Kokerei eine dauerhafte Gedenktafel für die Opfer der Zwangsarbeit im Ruhrbergbau. Sie ist ein bewusster Gegenpol zur oft glanzvollen Inszenierung des Ortes und fordert Besucher auf, sich auch mit dieser brutalen Realität auseinanderzusetzen.
Bei der Enthüllung berichtete der Zeitzeuge Heinrich Seidel, der 1940 als Junge in Katernberg lebte, von einer eindrücklichen Alltagserinnerung: „Manchmal, wenn ich besonders früh wach war, so gegen 5.30 Uhr am Morgen, konnte ich hören, wie die Gefangenen aus dem Lager in Richtung Schachtanlage 4/5/11 nach Katernberg zur Frühschicht gingen. Sie trugen Holzschuhe an den Füßen, das monotone Klacken war sehr laut.“ Abends, so erinnert er sich, habe er sie nie zurückkommen hören. Dieses Bild des frühmorgendlichen Klackens auf dem Pflaster steht symbolisch für das anonyme Leid tausender Menschen, die zu Nummern in einem System der Vernichtung durch Arbeit degradiert wurden.
Vom Industriemonument zum Ort der Erinnerung: Die doppelte Pflicht des Welterbes
Heute ist die Zeche Zollverein ein pulsierender Kultur- und Veranstaltungsort. Das Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche erklärt die Geschichte der Region, das Design Zentrum NRW fördert kreative Zukunftsindustrien. Der Wandel vom „schwarzen“ zum „kreativen“ Revier scheint hier perfekt gelungen.
Doch dieses neue Narrativ wäre unvollständig, würde es die Opfer verschweigen. Das Welterbe trägt eine doppelte Verantwortung: Es muss den technischen und architektonischen Genius feiern, der in Schupp und Kremmers Baukunst steckt. Gleichzeitig muss es aber auch die menschlichen Kosten dieser Industriegeschichte schonungslos dokumentieren und gedenken.
Die über 220 Millionen Tonnen geförderte Steinkohle, die den Wohlstand Deutschlands mitbegründeten, haben ihren Preis gehabt. Diesen Preis bezahlten die Kumpel mit ihrer Gesundheit, mit zerschundenen Händen und staubgefüllten Lungen. Den höchsten Preis bezahlten jene, die nie wieder ans Tageslicht kamen, und jene, die gewaltsam hierher verschleppt wurden.
Wer heute das Welterbe Zollverein besucht, sollte daher nicht nur den Förderturm fotografieren. Ein Besuch der Gedenktafel auf der Kokerei oder ein stiller Moment am Hallofriedhof in Stoppenberg, wo viele der verunglückten Bergleute ruhen, gehören ebenso zu einem echten Verständnis dieses Ortes. Die Zeche Zollverein ist mehr als ein architektonisches Meisterwerk. Sie ist auch ein Archiv des Leids, ein Ort der Mahnung und eine Erinnerung daran, dass echter Fortschritt immer den Menschen im Blick behalten muss. Diese komplette Geschichte zu erzählen, ist die eigentliche Pflicht dieses Erbes – für Essen und für das ganze Ruhrgebiet.
- Technischer Fortschritt
- Pioniergeist der Region
- Gefährlicher Arbeitsplatz
- Tödliche Unfälle
- Zwangsarbeit während des Krieges
- Erinnerungskultur und Gedenken
| Jahr | Vorfall | Opfer |
|---|---|---|
| 1866 | Blindschachtunglück | 4 Bergleute |
| 1919 | Schlagwetterexplosion | 3 Bergleute |
| 1923 | Verbotene Seilfahrt | 3 Bergleute |
| 1924 | Seilfahrtunfall | 3 Bergleute |
| 1941 | Schlagwetterexplosion | 29 Bergleute |