In der Hitze des Münchner Hochsommers spielt sich eine bemerkenswerte Geschichte ab, die weit über den Fußball hinausreicht. Auf dem Trainingsgelände an der Grünwalder Straße herrscht eine Stimmung, die man kaum für möglich gehalten hätte. Vor einigen Wochen noch stand der TSV 1860 München am Abgrund: Lizenzentzug, Zwangsabstieg, das endgültige Zerwürfnis mit dem Investor Hasan Ismaik und ein Insolvenzverfahren ließen eine Zukunft in Frage stellen. Jetzt, am Vorabend des Regionalliga-Starts beim 1. FC Schweinfurt 05, ist der Verein ein Symbol des kollektiven Aufbegehrens geworden.
Rund 800 Fans kamen am Mittwoch zum letzten öffentlichen Training, eine beeindruckende Zahl für die vierte Liga. Über eine Crowdfunding-Aktion flossen bislang etwa 340.000 Euro, und die Mitgliederzahl explodierte auf einen Rekord von 29.000. „Der Löwe zeigt Zähne, und er befreit sich von seinen Fesseln,“ sagte Präsident Gernot Mang im Bayerischen Rundfunk. Sein Statement war klar: „Dieses Konstrukt, was wir 15 Jahre hatten, darf es bei Sechzig nicht mehr geben.“ Der Bruch mit der Vergangenheit ist radikal, sogar das traditionsreiche Logo mit dem Löwen darf nicht mehr genutzt werden, da die Merchandising-Rechte bei Ismaik liegen. Stattdessen kehrt man zu einem historischen Wappen der Fußballabteilung von 1919 zurück.
Ein Neuanfang auf wackeligem Fundament
Der Weg zurück in die Normalität ist ein Balanceakt auf rechtlichem Neuland. Möglich wurde der Spielbetrieb nur durch ein spezielles Konstrukt: Der Verein (e.V.) mietet über eine neu gegründete Spielbetriebs-GmbH Gebäude, Plätze, Mitarbeiter und Spieler von der insolventen KGaA. Auf dieser brüchigen Basis musste innerhalb kürzester Zeit eine Mannschaft für die Regionalliga Bayern geformt werden.
Trainer Alper Kayabunar, 40, der mit der zweiten Mannschaft gerade Meister der Bayernliga geworden war, übernahm die Aufgabe. Sein Kader ist ein interessanter Mix aus Erfahrung, Jugend und prominenten Nachnamen. Zu den gestandenen Rückkehrern wie Torwart Vitus Eicher (35) oder Mittelfeldspieler Dennis Dressel (27) gesellt sich Florian Niederlechner (35), ein Bundesliga-Veteran von Mainz, Freiburg und Augsburg. Besondere mediale Aufmerksamkeit erfahren die Söhne von Miroslav Klose, Noah (20), und von Musiklegende Phil Collins, Matthew (21). Einer fehlt jedoch: Kevin Volland, der Sturmpartner der Vorsaison, beendete seine Karriere und kickt nun in der Bezirksliga für seinen Jugendverein.
Trotz der Aufbruchseuphorie bleibt die große Frage: Wie nachhaltig ist dieses Modell? Das laufende Insolvenzverfahren und die potenzielle Gefahr von Schadensersatzklagen des Ex-Investors Ismaik sind Damoklesschwerter, die über der Zukunft des Vereins schweben. Die wirtschaftliche Eigenständigkeit, die Präsident Mang als oberstes Ziel nennt, muss erst mühsam erarbeitet werden. Der neue Hauptsponsor, die Münchner Versicherung Dialog, ist ein erster, wichtiger Schritt.
Die Erwartungshaltung: Zwischen Tradition und Realität
Die Trainerkollegen in der Regionalliga Bayern sehen den TSV 1860 dennoch als Topfavoriten auf den Meistertitel. 15 von 19 Trainern nannten die Löwen in einer Umfrage als Titelkandidaten. Matthias Ostrzolek, Trainer des SV Wacker Burghausen, brachte es auf den Punkt: Man müsse abwarten, „wie sich da das Drumherum entwickelt,“ aber „allein schon wegen seines Namens“ sei der TSV 1860 ein Anwärter.
Genau diese Erwartung versucht Trainer Kayabunar zu dämpfen. Intern habe man „nie über die Meisterschaft gesprochen,“ betonte er. Ein Vergleich mit der Saison 2017/18, als 1860 nach einem vorherigen Abstieg direkt wieder Regionalliga-Meister wurde, verbiete sich wegen der völlig anderen, weitaus extremeren Umstände. „Unsere Zielsetzung ist noch nicht seriös einzuschätzen,“ lautete sein nüchternes Fazit vor dem Auftakt.
Für die Münchner Fußballgemeinschaft ist dieses Wochenende jedoch mehr als ein Spiel. Es ist der Beginn eines Experiments in Eigenverantwortung. Die Fans haben mit ihrer überwältigenden Unterstützung klar gemacht, dass der Verein ihnen gehört. Ob der sportliche Weg direkt zurück nach oben führt oder steinig wird, ist zweitrangig. Es geht darum, die Seele des Vereins zurückzuerobern. Der Absturz war tief, der Aufbruch ist euphorisch – das Abenteuer Regionalliga ist vor allem eine Reise zu sich selbst.
Fakten über den TSV 1860 München
- Gegründet im Jahr 1860
- Heimstadion: Grünwalder Stadion
- Farben: Himmelblau und Weiß
- Mitgliederzahl: 29.000
- Trainer: Alper Kayabunar
- Aktueller Status: Regionalliga Bayern
Finanzen und Sponsoren
| Aspekt | Betrag |
|---|---|
| Crowdfunding | 340.000 Euro |
| Mitgliederzahl | 29.000 |
| Neuer Hauptsponsor | Münchner Versicherung Dialog |